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Kochmonster

Liebe Hausfrauen!
Das Kochmonster verbeugt sich tief vor der Leistung unserer Mütter, Großmütter und Hausfrauen, die seit Jahrhunderten am heimischen Herd wahre Großtaten zur Sättigung ihrer Familien vollbringen.

 

Wenn wir Euch trotzdem hier nicht so gern dabei haben wollen, liegt das deshalb nicht an Euch selbst.

 

Keiner von uns Kochmonstern könnte sich so ernsthaft, so ambitioniert, so kreativ, so fundiert und so niveauvoll mit der Zubereitung von Speisen beschäftigen, wenn er zugleich einen Haushalt führen, eine Familie organisieren und Tag für Tag etliche hungrige Mäuler stopfen müsste.

 

Wenn Ihr, liebe Hausfrauen, also auf der Suche seid nach einem schnellen Rezept für Käsekuchen oder Würstchenauflauf, nach Anti-Aging-Gemüsen, Zero-Carb-Frigittediäten oder einfach nur die Kalorien von "Sommerliche Blattsalate ohne Putenbruststreifen" nachzählen wollt – ihr werdet das hier nicht finden. Geht bitte zügig weiter und trefft Euch auf den Küchenchefperfektesdinnerlisabackenseiten mit Euren Freundinnen.

 

Was haben Sie gerade gesagt? Sie wollen wirklich den Unterschied lernen zwischen Deglacieren, Degraissieren und Degorgieren? Sie wollen sich allen Ernstes drei Stunden in die Küche stellen, nur um eine kleine Variation von der Wildwassergarnele als Vorspeise für Ihre Freunde auf die Teller zu malen? Sie suchen tatsächlich keinen knatschgelben Plastikkochlöffel mit Quietscheentchenkopf, sondern eine perfekt wärmeleitende Stielsauteuse?

 

Herzlich willkommen, Schwester im Geiste – bitte melden Sie sich an, beim Kochmonster, jetzt gleich, hier rechts oben!

  Deutschlands erstes Kochportal für Männer!
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03.09.2010   Sie befinden sich hier: kochblog / 


Steaks aus dem iPhone

Kochmonster-Shoppartner Gourmetfleisch bringt das Steak in unsere Lieblingsspielzeuge iPhone, iPod und iPad: die App Steak Timer bringt alle relevanten Infos rings ums edle Kurzgebratene auf den Punkt. Der besondere Clou aber ist der Timer: einfach gewünschten Gargrad von rare bis well done einstellen – und pünktlich erinnert ein Warnton den Koch ans Umdrehen und schließlich die Ruhezeiten des Steaks. Die Softwar ist kostenlos im App-Store erhältlich.

 

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Run auf London-Gourmetfest

Das "London Gourmet Festival", einer der spannendsten Genießer-Veranstaltungen Europas, findet zwar erst vom 4. bis 18. Oktober statt, doch es empfiehlt sich, schon zum Vorverkaufsstart Anfang Mai online die interessanten Touren zu reservieren. Erfahrungsgemäß sind die besten Touren und Diners Mitte Mai ausverkauft... Infos hier...

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Wer hat's erfunden?

Da muss die Grande Nation jetzt ganz tapfer sein: Paul Cartlege, Geschichtsprofessor an der Universität Cambridge, konnte nachweisen, dass die ersten Winzer Frankreichs Griechen waren. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. ließen sich griechische Seehändler aus Phokäa an der Rhonemündung nieder, gründeten die Stadt Massalia (das heutige Marseille), pflanzten Rebstöcke aus Griechenland und machten sich die an der Rhone hausenden wilden ligurischen Keltenstämme mit einem Getränk aus vergorenen Trauben zum Freund, das sie in Amphoren transportierten. Kaum zu glauben, wenn man Weine aus Frankreich und Griechenland heute gegeneinander blind testet.

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Bio isst besser

Ökoprodukte sind auch ernährungsphysiologisch besser als konventionell erzeugte. Das  zumindest ist das Ergebnis des  fünfjährigen europäischen Forschungsprojektes QLIF, das vom Deutschen Naturschutzrings (DNR) und dem Forschungsinstituts für biologischen Landbau(FiBL) vorgestellt wurde. Demnach enthalten Ökoprodukte bei Kohl, Salat, Tomaten oder Kartoffeln gegenüber dem konventionellen Anbau deutlich höhere Gehalte an Antioxidantien, Vitaminen und bioaktiven Stoffen. Biomilch weise vor allem im Sommer 40 bis 60 Prozent mehr Omega-3-Fettsäuren, sowie 30 bis 70 Prozent mehr Vitamine, Carotinoide und andere Antioxidantien auf. 

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Männer an den Herd!

Über 90 Prozent der deutschen Frauen erwarten von ihrem männlichen Partner, dass er es nicht nur im Bett, sondern auch am Bräter bringt. Nach einer Emnid-Umfrage für das Magazin "Reader's Digest" sind dies bei den Frauen unter 29 Jahren sogar 95 Prozent, während weniger als drei Viertel der Männer dies von ihren Partnerinnen erwarten. Wie immer bei Statistiken sollte man aber auch bei diesem Thema nur Studien trauen, deren Ergebnisse man selbst gefälscht hat. Emnid fragte nämlich synchron mit ab, wieviel kochende Frauen zu Fertiggerichten greifen. Das sind angeblich nur sieben Prozent, bei Männern 15 Prozent. Und wer bitte schaufelt die Milliardenumsätze in die Säckel des kulinarisch-industriellen Komplexes von Nestlé bis Unilever?

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Frankreich bleibt Genuss-

weltmeister

 

In Deutschland haben die Menschen deutlich mehr Freizeit als in den meisten anderen OECD-Ländern und sie sitzen nicht so lange vor dem Fernseher oder am Radio – dafür nehmen sich die Franzosen weitaus mehr Zeit zum Genießen Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Gesellschaft auf einen Blick" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach sind die Deutschen fast Freizeitweltmeister: mehr als unsere 6 Stunden und 34 Minuten pro Tag Freizeit haben nur die Belgier (6 Stunden und 39 Minuten). Doch beim Essen schlagen uns die westlichen Nachbarn zwischen Reims und Nizza um Längen: Die Franzosen verbringen 2 Stunden und 15 Minuten täglich mit Essen. Deutschland liegt mit rund 105 Minuten nur im oberen Mittelfeld.

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Das Gelbe vom Ei

Im deutschen Autorenfilm ist es eine „geschissene Gottesgabe“, für Millionen von Vegetariern eine wichtige Proteinquelle, für die Menschheit eines der ältesten Lebensmittel. Und doch entdeckten Sterneköche vor kurzem etwas Neues: das Gelbe vom Ei.


 

Gerührt oder gespiegelt in der Pfanne, russisch oder chinesisch, im Glas oder im Omelette, weich oder hart gekocht, mit Senf oder Essig, verloren oder zu Ostern gefunden, frisch vom Biohof  geholt oder faul vom Demonstranten geworfen, im Salat, Dessert, Likör, Shampoo oder im Tank der verfeindeten Moped-Gang – das Ei begleitet den Menschen wie kein anderes Lebensmittel durch alle Lebensphasen. Warum also sollte man über dieses Thema noch eine Kolumne schreiben?

 

Ganz einfach: weil noch immer viel zu viele Menschen die falschen Eier kaufen, sie falsch aufbewahren und am Ende falsch zubereiten. Nein, das ist kein arrogantes Kochgeschnösel, sondern bittere Wahrheit. Noch immer stammen nur knapp zehn Prozent aller in Deutschland verarbeiteten Eier aus biologischer Hühnerhaltung, also nicht aus Tier-KZs und von vernünftig gefütterten Tieren. Dabei ist das nicht so schwierig, denn auf jedem Ei steht eine mehrstellige Zahl. Wenn die mit einer Null beginnt, ist alles Bio, die mit den anderen Zahlen einfach nicht kaufen, so viel billiger sind sie nicht.

 

Und: noch immer erkranken Hunderttausende Menschen jährlich an Salmonellen oder Bakterien, die sie sich von kontaminierten Eiern oder fehlerhafter Zubereitung geholt haben. Auch das muss nicht sein: niemals beschädigte Eier kaufen, der Haltbarkeits-Info folgen und rechtzeitig in den Kühlschrank stellen, beim Arbeiten mit Frischeispeisen auf Hygiene achten und diese Gerichte nicht aufheben. Profiköche tauchen roh zu verwendende Eier vor dem Aufschlagen wenige Sekunden lang in kochendes Wasser, wodurch Bakterien auf der Schale abgetötet werden.

 

Eben jene Profis haben, zumindest in ihrer Oberklasse, jetzt auch eine Zubereitungsart für ein Gourmet-Dotter entwickelt, das (einen geschulten Gaumen vorausgesetzt) diesem längst erforscht geglaubten Thema noch eine feine neue Nuance abgewinnen kann – die Fortentwicklung des japanischen „Onsen-Ei“. Seit Jahrhunderten garen viele Japaner ihre Hühnereier in den heißen Quellen (60 bis 70 Grad) ihres Landes. Dabei bleibt das Ei mindestens eine Stunde in der Thermalquelle („Onsen“) und bekommt durch dieses langsame Stocken knapp unter der thermischen Eiweiss-Gerinnungsgrenze eine ganz eigene, geschmeidige Struktur.

 

Und genau so haben wir unsere Highend-Version des Klassikers "Spinat mit Ei" zubereitet:

 

 

Da diese Technik mit Hilfe von exakt temperierbaren Wasserbädern oder Dampfgarern in den Profiküchen inzwischen ohne großen Betreuungsaufwand reproduziert werden kann, erfreut sich das „Onsen-Ei“ großer Beliebtheit auf Sternerestaurantkarten – bis hinauf zum Berliner „Fischer’s Fritz“, wo der Zweisterner Christian Lohse für seine Vorspeise „Knusprig gebackenes Onsenei

mit Steinmühlen-Polenta, Pfifferlingen und jungem Parmesan“ mutige (manche sagen auch: unverschämte) 35 Euro aufruft. Bei Lohse ist das Ei gepellt, mit Mie de pain paniert und frittiert – und damit sicher leckerer als das „Eine Stunde gegartes Bio-Hühnerei mit Rahmspinat,

Trüffelravioli, Champagnerschaum und gehobeltem Sommertrüffel“, das wir neulich in Hamburg mit Elbblick probierten, und bei dem Eiklar und Dotter auf billigem TK-Spinat glibberig zerflossen.

 

Die Langzeit-Garmethode will nämlich gelernt sein. Sie setzt auf die unterschiedlichen Gerinnungstemperaturen der beiden Bestandteile: Eigelb gerinnt ab 65 bis 68 Grad und behält, wenn es diese Temperatur nicht übersteigt, eine cremig-formbare, aber nicht bröselige Konsistenz, die mit keiner anderen Zubereitungsart erreicht werden kann. Das Eiklar beginnt bei diesen Temperaturen zwar mit dem Gerinnungsvorgang (ab ca. 62 Grad), stockt aber erst ab etwa 75 Grad fest. Das Ei gart dadurch gewissermaßen von innen nach außen.

 

Der Trick besteht darin, die Eier so lange bei möglichst exakt 68 Grad im Wasser zu garen, bis der Dotter eben diese Kerntemperatur erreicht hat. Anschließend wird die Schale hälftig aufgeschlagen und das goldene Herz vorsichtig aus dem weißen Glibber gepult (den man, um nichts wegzuwerfen, auch noch zu einem weißen Omelett braten kann). Nur so, darauf schwören inzwischen Hunderte von Spitzenköchen weltweit, kann das Eigelb seine wahren Stärken auch dem anspruchsvollsten Gourmetgaumen offenbaren: 32 Prozent Fett, mehr Eiweiss (16%) als das Eiklar (11 %), Lecithin und (außer Vitamin C) die zum gesunden Leben wichtige Vitamine – und das alles in einer Zubereitung, die sensorisch so ziemlich alles schlägt, was man mit einem Hühnerei sonst noch anzustellen vermag.

 

Da kann dann sogar ein hart gekochter Ovo-Lacto-Vegetarier sein Ei drüberschlagen.



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Edles von der Stange

Man mag es nicht glauben angesichts der Frühlingsgefühle on the rocks und des verhagelten Sommeranfanges, aber ab der Sonnenwende am 21. Juni werden nicht nur die Tage wieder kürzer, sondern auch die Spargel länger. Wenige Tage noch, spätestens bis zum Johannitag am 24., wenn Christen die Geburt Johannis des Täufers feiern, dann darf der Spargel ungestochen ein bis zwei Meter in die Höhe wachsen.

 

Gegessen werden kann die Pflanze in ihrer Regenerationszeit als krakeliger Strauch natürlich nicht mehr; es ist also allerhöchste Zeit für ein letztes großes Spargelmahl. In den vergangenen Jahren haben wir mal mit arabisch angehauchtem Fischfilet Doppelfleckenschnapper mit Granatapfel auf Spargelgitter und Spargelzebra mit Tunfisch und Wasabi-Hollandaise abgespargelt. Diesmal wenden wir uns nach Frankreich, dem Mutterland der feinen Küche. Zu den Schwestern Charlotte und Chartreuse.

 

 

Unser aktuelles Rezept für  Spargel-Charlotte mit Kartoffel-Speck-Espuma ist ein würdiger Abschiedsgruß an die Stangengewächse, die sich nun wieder zehn Monate lang von den Sprieß-Strapazen erholen dürfen. Es interpretiert den beliebten Akkord Spargel-Schinken-Kartoffel-Creme auf elegante Art und kitzelt mit ein paar Tricks die am Ende der Saison langsam nachlassenden Aromen aus dem Gemüse. Der Espuma vermählt die Kartoffelstärke mit dem Schinkenaroma und der Butter, das Spargelpüree sorgt für Cremigkeit, und die Speck-Chips für krosse texturelle Abwechslung.

 

 

Bei wenigen Gemüsen kann man in der Küche so viele Fehler machen wie beim Asparagus officinalis, dem gemeinen weißen Stangenspargel. Anderseits: Kochfehler sind auch deshalb so gute Lehrmeister, weil wir sie am eigenen Leib erfahren. Wie Imara zum Beispiel, unsere weit gereiste Nachbarin aus dem Morgenland. Eines Abends klingelte sie völlig verzweifelt an unserer Tür: fast zwei Stunden koche nun schon der Spargel und sei immer noch so hart wie zuvor. Imara hat schon in den USA und England gelebt, dort jedoch immer nur grünen Spargel gekocht. Niemand hatte ihr erzählt, dass man den Weißen vorher schälen muss.

 

Wer jetzt hämisch grinst, sollte vor seiner eigenen Spargelpatzertür kehren. Immer wieder fiel auch ich gern auf Versprechen der Küchengeräteindustrie rein. Eine sündhaft teure Schälvorrichtung, die die Stangen in einem Rutsch zu schälen versprach, landete noch an dem Abend auf meiner ebay-Verkaufsseite, als das Teil mir beim ersten Versuch die Hälfte der Spargel zerbrach und die andere Hälfte nur völlig unzureichend schälte.

 

Oder dieser schmale, hohe Spargeltopf. Superschick, sauteuer – aber seltsamerweise wurden die zarten Spargelköpfe, die aus dem Kochwasser heraus ragten, meist matschig, während die Stangen korrekt gegart waren. Irgendwann hörte ich einen Sternekoch (es war Heinz Wehmann) knurren: „So ein Schwachsinn – die empfindlichen Köpfe ausgerechnet im über hundert Grad heißen Wasserdampf zu garen“. Fazit: Wer das Spargel-Geld (Kilopreis jetzt  um die 8 Euro) gut anlegen will, kommt um ein paar Regeln nicht herum.

 

Einkauf Der Spargel sollte Handelsklasse „Extra“ oder „Klasse 1 Super“ sein: absolut gerade gewachsen, feste Köpfe, allenfalls minimale rötlich/violette Verfärbung am Kopf, 16-20 mm Dicke, maximal 22 cm Länge. Frische Ware erkennt man an dicht geschlossenen Köpfen, glatter Haut und festen Stangen (dürfen nicht durchhängen, wenn sie an einem Ende hochgehoben werden). Saftige Enden oder Quietschen beim Aneinanderreiben sind keine sicheren Frische-Indikatoren, denn mancher Händler hilft hier durch häufiges Nachschneiden der Enden und regelmäßige Befeuchtung aus der Sprühflasche nach.

 

Lagerung Zwei bis drei Tage bei ca. 6 Grad im Gemüsefach des Kühlschranks. Der Spargelhaufen muss in ein leicht feuchtes Baumwolltuch eingeschlagen sein (vor allem die Enden). Einfrieren: Spargel schälen, 30 sec in kochendem Salzwasser blanchieren, Stangen getrennt anfrieren, erst dann zusammen luftdicht einschweißen.

 

Bitterstoffe Wenn der Spargel auf dem Teller am Ende bitter schmeckt, ist nicht immer der Koch schuld. Manchmal herrscht trotz Zucker im Kochwasser, korrekten Schälens und ungeiziger Kürzung der Enden Bitterkeit bei Tische. Meist ist der Bauer der Böse, denn Spargel, der zu nah am Wurzelstock gestochen wurde, ist und bleibt bitter. Wer direkt ab Feld kauft, sollte darauf achten, dass die Reihen der Erdhaufen so weit auseinander stehen, dass die Hügel hoch genug aufgeschüttet werden können. Jahr für Jahr wächst der Wurzelstock höher, und die Erdreihen müssen angepasst werden. Bei zu dicht gepflügten Reihen geht das nicht mehr, der Spargel wächst unter der Erde (am Tageslicht würde die Photosynthese einsetzen und der weiße Spargel wird erst lila, dann grün weiter wachsen) zu kurz und wird vom Bauern, der ja lange Spargel verkaufen will, zu nah am Stock geschnitten.

 

Zubereitung: Über die Jahre habe ich alle erdenklichen Zubereitungsarten ausprobiert, die nachfolgende ist mein momentaner Favorit: Beim schonenden Dampfgaren bleiben Vitalstoffe, Konsistenz und der volle Geschmack am besten erhalten – überzeugte Spargeltopfjünger dürfen gern darüber verbittern.

 

Ähnlich effizient ist die Zubereitung beim Berliner Sternekoch Kolja Kleeberg und seinem Büroklammerspargel.

 

Peter Wagner



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Für Mund und Nase: Parfümierter Ziegenkäse mit Apfel-Honig-Salat

Ziege im Flakon

Patrick Süskinds Parfumeur Jean-Baptiste Grenouille fing den Geruch toter Frauen ein. In der gehobenen Küche geht das genau umgekehrt – dort versucht man, durch das Parfümieren toten Zutaten neues Leben einzuhauchen.

 

Selbst der ChiChi-feindlichste Bierbauch-Barbequer, der sein Harleyleben lang nichts anderes als Motoröl, Kernseife und diverse Uschis an seine Haut gelassen hat, macht im Grunde nichts anderes als der verhuschte Innenausstatter, der seinen zartsenorischen Kunden den zum Versacemusterteppich passenden Raumduft empfiehlt. Halt, bitte noch nicht zuschlagen, Grillerkiller! Denn auch das in Deinen Kreisen so beliebte Ablöschen der fettverbrennenden Schweinebauchseiten auf dem Rost gehört ins Kochreich des Parfümierens.

 

Doch während das zischende Bier so schnell verdunstet, dass es statt seinen Eigengeschmack ans Fleisch abzugeben nur die herrlich krebserregende Holzkohlen-Asche aufs Grillgut wirbelt, könnte sich ein ambitionierter Speisenzubereiter sein Küchenleben lang mit nichts anderem als der Parfümierungsperfektionierung der Speisen beschäftigen.

 

Laut dem „Larousse Gastronomique“, der 1024-seitigen Lexikonbibel der abendländischen Esskultur, ist „Parfümieren“ fast schon das halbe Kochen: „Das geschmackliche Abrunden eines Lebensmittels oder einer zubereiteten Speise durch Hinzufügen von Würzmitteln, Gewürzen, Aromastoffen, Wein, Spirituosen etc, die mit dem natürlichen Geschmack des Produktes harmonieren“. Also all das, was landläufig, aber etwas unscharf als „Würzen“ bekannt ist?

 

Deshalb wird inzwischen in der Hochküche dieser Begriff wesentlich enger gefasst und auf das meist recht spät im Garprozess hinzugefügte Aroma bezogen, das nicht unbedingt tief im Gesamtgeschmack verankert sein muss, sondern oft eher den Geruchs- als den Geschmackssinn anspricht. Dies wurde in früheren Jahrhunderten mit Essenzen und Aromen umgesetzt, die wir heute fast nur noch aus der Duftstoffindustrie kennen: Auszüge von Rosen-, Veilchen- und anderen Blüten, Amber, Moschus oder gar Weihrauch – hier allerdings die in der russisch-orthodoxen Kirche bevorzugte Variante mit Benzoe, dem ausfließenden Gummi-Harz des südostasiatischen Benzoebaumes.

 

In einigen Länderküchen kommen solch stark ätherische Essenzen bis heute zum Kocheinsatz: Rosenblütenwasser in der arabischen Cuisine, oder Orangenblütenauszüge in der asiatischen Küche und – oft in Verbindung mit Vanille und Orangenschalen – auch in der westlichen Patisserie.

 

Dass das Kochen mit ungewöhnlichen Aromen sehr viel Erfahrung erfordert, sieht man an der Karriere der Vanille als Geschmackskick in herzhaften Gerichten. Weil es hierbei darauf ankommt, unterschiedliche Teile der Vanilleschote exakt und gezielt in den verschiedenen Garungsphasen einzusetzen, wurde aus der Mode der Sterneköche leider bald die Plage der Plagiatoren in den Bistros und Landgasthäusern Europas. Nachdem sie im “Feinschmecker“ irgendwas von „Lagustinos in Vanille-Nage“ gelesen haben, kippten diese Plumpsköche künstliches Vanillinextrakt in die Krabbensuppe und schütteten damit tümpelweise Abwasser auf die Mühlen derer, die nur Pfeffer, Salz und vertrocknete Dillspitzen im heimischen Gewürzregal dulden.

 

Ganz problematisch, weil niemals exakt zu dosieren, ist auch der Umgang mit eingebetteten Aromen wie bei Kräuterölen, Knoblauchsalz oder dem billigen Trüffelöl. Letzteres verhunzt mit seinem penetranten, nie verklingen wollenden Pestilenzgestank des verwendeten Bis(methylthio)methan (soll weißer Trüffel imitiert werden, wird zumeist 2,4,6-Trithiaheptan benutzt) nicht nur jedes beliebige Essen, in dem es eingesetzt wird – es reagieren auch immer mehr Esser mit allergischen Reaktionen von Mundtaubheit über Atemnot bis zu Kotzkrämpfen darauf.

 

Parfümieren, das dürfte inzwischen klar sein, will gelernt sein, denn  mindestens jeder zweite Schuss kann nach hinten los gehen. Einen Wein zum Beispiel bezeichnet man nicht etwa dann als “parfümiert”, wenn künstliche Duftstoffe zugesetzt wurden, sondern wenn er von sich aus ein aufdringliches und als unangenehm empfundenes Aroma aufweist – was ihn mit 95 Prozent aller industriell gefertigter Räucherwaren auf eine Ebene stellt. Denn meist wird dort entweder schnell im Überdruckkessel heißes Billigraucharoma in Schinken, Fisch oder Wurst gepumpt, oder gar direkt als artifizielle, rauchparfümierte Lauge mit feiner Nadel in die Ware gespritzt.

 

Auch das Kochmonster-Rezept "Parfümierter Ziegenkäse mit Apfel-Honig-Salat" balanciert auf dem schmalen Grad zwischen elegantem Gaumenkitzel und brachialem Brechmittel. Lavendelblüten kennen die meisten als Mottenabwehr im Pulloverregal, als Badesalz oder von Tante Ernas Bügelwasser – die blauen Blüten finden aber nicht erst seit Hildegard von Bingen auch in der Heilkunde als Antiseptikum und Magenkrampflöser Verwendung.

 

Wir Köche bauen dagegen auf das olfaktorische Mediterranisierungstalent des Lavendels und seine appetitfördernde Wirkung, gegen die so manches herkömmliche Küchenkraut derbe abstinkt.

 



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Ran an den Speck!

 

Während sich ein paar begeistere Übergewichtige in diesen Tagen lustvoll gegenseitig in die Winterspeckröllchen zwicken, versucht der große Rest, eben diese mit Gewalt, FDH oder Brigittedäten loszuwerden. Höchste Zeit also für ein richtig fettiges Thema: Schweinespeck.

 

18 Prozent Wasser, 5 Gramm Eiweiss, 18 Milligramm Natrium, 39 Milligramm Kalium, und das alles komplett ohne bösen Alkohol und doofes Vitamin C – kann das Sünde sein? Ja, wenn es vom Rücken oder Bauch einer fetten Sau stammt und gleichzeitig mit 77 Prozent Fett und seinen herrlich politisch unkorrekten 700 Kalorien daherkommt. Nein, nicht pro Woche, liebe Abnehmfreunde. Pro dicke Scheibe!

 

Zur Erinnerung: Bis vor nicht allzu langer Zeit fanden Menschen weiblichen Geschlechts mit besenstielartiger Körperform, wie sie heute allerorten über den Katzenstrich stakeln, nur schwerlich Aufnahme in den Häusern und Höfen der Bürger und Bauern – denn keiner hätte darauf gewettet, sie lebend durch den Winter zu bringen. Niemals würden diese Hungerhaken heute auch nur ein winziges Stückchen Speck anrühren – noch nicht einmal das wunderbare Kochmonster-Rezept Speckknödelsuppe.

 

 

 

 

 

Der Menschheit  im allgemeinen kam es dagegen seit Jahrhunderten sehr gelegen, kalorienreiche Vorräte heil durch die kalte Jahreszeit zu retten. Schon in den Schlachterzunftordnungen des späten Mittelalters finden sich Zeugnisse von der Konservierung fetten Schweinefleisches mittels Räuchern und Salzen, doch erst in den späteren Jahrhunderten, als Salz überall verfügbar war, ohne es gleich mit Gold aufwiegen zu müssen, wurde der Speck zum Volksnahrungsmittel.

 

Salz, Rauch, Zeit, das sind bis heute die drei wichtigsten Spielkameraden des zerlegten Schweines bei der Speckherstellung. Und alles drei wird leider längst nicht mehr in dem Maße und der Sorgfalt eingesetzt, die dieses Lebensmittel verdient hat. In Endlosfolien eingeschweisster Supermarktspeck von armen Massentierhaltungsschweinen, im Akkord zerlegt, unter starkem Überdruck mit nicht gerade gesundheitsfördernder Nitratpökellauge vollgepumpt, am Ende nochmal schnell, schnell bei hoher Hitze in die Räucherkammer – wie soll das noch schmecken?

 

Gar nicht. Das weiss jeder, der im Vergleich zu der penetrant übersalzenen, schlabberweichen und mit Raucharoma überjazzten Industrieware jemals ein Scheibchen echten Bauern- oder Manufakturspeck probiert hat.

 

Idealerweise von Tieren mit viel Auslauf und natürlichem Futter, langsam zum Schlachtgewicht gewachsen. Den Bauch erst mit feinen Kräutern aromatisiert, drei Wochen trocken gepökelt (ein weicher Kern mit weißem Strich in der Speckmitte verrät den übereiligen Metzger), dann bei 15 Grad und 70 Prozent Raumfeuchtigkeit hängend gereift, 20 bis 25 Wochen später bei nicht mehr als 20 Grad Rauchtemperatur im Buchen/Wacholderdampf geräuchert.

 

Wie bitte? Ihr Metzger meint, das geht auch schneller und mit weit weniger Aufwand? Recht hat er, denn er will ja Geld verdienen. Bei dem Ideal-Herstellungsprozess geht über die Monate gut 40 Prozent der ursprünglich im Fleisch enthaltenen Feuchtigkeit flöten. Das ist gut für die Konsistenz, die Haltbarkeit und vor allem den Geschmack, aber schlecht für das Valuta des Erzeugers, der seine Ware nach Kilogramm bezahlt bekommt.

 

So ein Highend-Speck kostet schnell mal seine 18 bis 20 Euro das Kilo, also fast so viel wie ein Räucherschinken, der in Tirol und Umgebung, wo man es mit der Erzeugung meist viel ernster nimmt als anderswo, schlicht "Speck" genannt wird, aber zumeist aus dem Schinken des Schweines hergestellt wird, weswegen anderorten gern zwischen Schinken- und Bauchspeck unterschieden wird.

 

Je weiter man in den Norden Deutschlands vordringt, umso ausgedünnter wird die Bezugsquellendichte für wirklich guten Speck aus den jeweiligen Regionen. Auf jeden Fall lohnt es sich immer, auf der Suche nach dem besten Stück der Region mal bei Organisationen wie dem Naturschutzbund www.nabu.de, Slow Food www.slowfood.de, die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. www.g-e-h.de oder neuerdings hoch im Norden bei Feinheimisch www.feinheimisch.de nachzufragen.

 

Denn auch der Internethandel kann nicht immer weiterhelfen: So war zum Beispiel die 2008er-Produktion des wunderbaren luftgetrockneten Specks vom Eichelschwein (schwäbisch-hallische Schweine mit Auslauf von 1000 Quadratmeter Eichenwald pro Tier) aus dem Hutewald-Projekt www.hutewald.de nach wenigen Wochen ausverkauft. Im Frühjahr soll es wieder frische Schwarten geben.

 

Dann bekommt jeder das Fett ab, das ihm zusteht.

 

 



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Wann ist ein Lamm ein Lamm?

 

Alle unsere Helden starben jung: James Dean, Jesus Christus, Kurt Cobain – und auch für Zehntausende von Lämmern gibt es kein Leben nach Ostern. Hier ein paar Tipps, damit sie wenigstens nicht grundlos von uns müssen. Bevor Sie weiterlesen eine kleine Warnung: Wenn Sie ein prinzipielles, gesundheitsbedingtes oder religiöses Problem damit haben, das Fleisch von eigens zu diesem Zweck getöteten Tierbabys zu essen, sollten Sie hier besser nicht weiterlesen.

 

Aber auch alle anderen, für die der Verzehr von Kalbsfilet, Lammkeule, Spanferkelkotletts, Stubenkükenbrüstchen oder Babysteinbutt zu den kulinarischen Höhepunkten zählt, sollten sich nichts vormachen: Nur ganz hartgesottene Allesesser oder hausschlachtungserprobte Nutztierhalter bekommen kein flaues Gefühl im Magen, wenn sie sich plastisch vor Augen halten, dass vor dem Festmahle stets der jähe Tod eines jungen Lebens steht.

 

Selbst wenn die Genussgier meistens siegt, kann es doch gerade in der Osterzeit nicht schaden, sich zumindest kurz an unsere jungen Helden zu erinnern. Jimi Hendrix, Brian Jones, Janis Joplin. Jim Morrison und Kurt Cobain mussten allesamt mit 27 Lenzen sterben, weil man nur so im Rock’n’Roll wirklich unsterblich werden kann – was James Dean mit 24 gleich dreifach gelang, als er am 30. September 1955 sich selbst, die Zigarette im Mundwinkel und den Porsche 550 Spyder auf einer kalifornischen Kreisstraße zu Legenden werden ließ. Knapp zweitausend Jahre zuvor wurde der Galiläer Jesus von Nazareth mit Mitte 30 gekreuzigt – und gab seine Jungend hin für die Stiftung einer Weltreligion.

 

Glauben versetzt nicht nur Berge, sondern Abermillionen von sehr jungen Lebewesen den Todesstoß, denn es soll ja auf den Altären jeder Coleur tatsächlich ein Opfer gebracht werden, wenn ein Opfer – von wem und warum auch immer – verlangt wird. Und der höchste Preis, den man wohl bezahlen kann, ist die Hingabe der Jugend, der Unschuld, der großen Kinderaugen.

 

Aber was hat das alles, werden sich jetzt viele fragen, in einer sonntäglichen Koch-Kolumne zu suchen? Man muss nicht so weit gehen wie die radikale Vegetarierin Marusha. „Mit jedem Stück Fleisch“, schockte die einst wichtigste Techno-DJane Deutschlands immer wieder gern ihre Interviewer, „isst Du auch die Todesangst des geschlachteten Tieres mit“. Doch sollten wir Kochbegeisterten gerade in diesen Wochen, in denen es überall auf der Welt für viele Hammelbabys kein Leben nach Ostern mehr geben wird, nicht zumindest ein wenig Achtung und Demut vor dem Stück Lamm bezeugen, mit dem wir unsere Lieben verwöhnen wollen?

 

Dazu gehört vor allem der Einkauf. Geschmacklich macht es an einem großen Stück Fleisch wie der Schulter oder der Keule wenig kaputt, wenn es rasch nach der Schlachtung eingefroren und erst in unserer heimischen Küche wieder aufgetaut wird. Wer jedoch jemals einen Lammbraten aus frischem Fleisch von nordischen Salzwiesenlämmern, Diepholzer Moorschnucken, Rhön-Schafen, Poltinger Lämmern aus Bayern oder dem berühmten Müritz-Lamm aus Vorpommern zubereitet hat, will diesen himmelweiten Geschmacksunterschied sich zumindest ein Mal im Jahr leisten. Idealerweise zu Ostern, denn dann sind die im Sommer des Vorjahres geborenen Lämmer mit neun Monaten bei ihrem idealen Schlachtgewicht (35-40 Kilo) angelangt, die im Winter geborenen Milchlämmer werden zu Lebzeiten gar nur 14-20 Kilo schwer. Und wenn man diesem naturgemäß extrem zarten Fleisch auch noch die ihm zustehende Garzeit von acht Stunden bei 83 Grad Ofentemperatur angedeihen lässt, wird man frisches Lamm nie mehr missen wollen. Hier geht's zum Rezept für die perfekte Lammkeule.

 

 

Doch aufgepasst: der Umgang mit größeren Fleischstücken  kann manchmal zu skurrilen Erlebnissen führen. Anfang des Jahres besuchten wir Freunde, die von Deutschland ins Zillertal ausgewandert waren. Sie zeigten uns die eher zerhackten denn fachmännisch zerlegten Teile eines Lammes, dessen Schlachtpreis sie mit einheimischen Bekannten hälftig geteilt hatten, so dass jede Partei ein halbes Lamm bekommen sollte. Wir suchten, zählten, suchten weiter, fanden unter unseren Fleischteilen aber nur ein Bein. Deshalb hier eine dringende Bitte an unsere Leser: Sollten Sie jemals eines dieser sagenumwobenen dreibeinigen Zillertaler Lämmer vor die Linse bekommen – schicken Sie uns bitte unbedingt das Foto! Zur Belohnung gibt’s einen original einbeinigen Schürzenjäger.

 



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Das Beste am Huhn liegt oben hinten in den Karkassen versteckt: die Sot`l`y-laisse

Pfaffenmeisterstück

Wem schon das Nudelkochwasser anbrennt, lebt nicht in dieser Welt: extrem schwierig zu bekommende Zutaten aus Sternekoch-Rezepten. Milchkalbsbäckchen, Taubenbrustfilets, Zickleinkeule, Sot`l`y-laisse – Beschaffungskriminalität für Fortgeschrittene.

 

Wer das nur so hingenuschelt hört, vom Sternekoch während des 300-Euro-Kochkurses, bleibt ohne jede Chance. Mit „Sodliläs“ oder „Zottilaise“ kann man googeln, bis man schwarz wird. Der Halbgott in Weiss hat wieder mal geschickt sein Herrschaftswissen gewahrt, er verdient ja auch ganz gut an den Verkäufen seines Kochbuches.

 

Dort, also in Büchern von Dreisterneköchen wie „Einblicke“ von Christian Bau (Victor`s Gourmet-Restaurant) oder Nils Henkel (Schlosshotel Lerbach ), dort erst findet sich wenigstens die korrekte Schreibweise der Edelzutat: Sot`l`y-laisse. Doch bevor der ambitionierte Hobbykochlöffelschwinger einen Dieter-Müller-Teller wie „Sautierte Sot`l`y-laisse vom Poulet mit Süßholz-Gewürzjus, Froschschenkeln und Couscous“ oder ein Bau-Werk wie die kniffelige Makkaroni-Chartreuse „mit Eigelb, Sot`l`y-laisse und weißen Trüffeln aus Alba“ nachkochen kann, muss er sich die Hacken ablaufen.

 

Denn selbst der alphabetisierteste Schlachter der Stadt wird beim Franzmann-Buchstabensalat a la Sot`l`y-laisse („Ein Narr, wer es liegen lässt“) entgeistert den Kopf schütteln. Immerhin lässt sich nun recherchieren, dass es sich bei diesen gerade mal walnussgroßen Fleischkügelchen um die im Süden Deutschlands in Pfarreiköchinnenkreisen noch vereinzelt als „Pfaffenschnittchen“ oder "Pfaffenstück" erinnerten Teile des Huhns (oder anderen mittelgroßen Federviehs) handelt, die am Rücken oberhalb der Keulen gut versteckt in zwei Skelettmulden auf den Gottesmann warten, der bekanntlich schon immer mehr von den leiblichen Gaben seines obersten Chefs wusste als die meisten seiner einfachen Schäfchen.

 

Das Pfaffenstück ist, hat man erst einmal davon genascht, tatsächlich durch kein anderes Teil des Geflügels in Sachen Geschmack, Konsistenz und Genuss zu überbieten. Dieses Fleischkügelchen, etwas dunkler als Keulenfleisch und minimal grobfaseriger als die Brust, kann geschmort oder kurzgebraten werden und bleibt dabei doch immer wieder wunderbar zart. Wie geschaffen also zum Beispiel für eine beliebte Meisterprüfung bei Spitzenköchen: stundenlang Geschmortes und zartrosa Blitzgebratenes vom gleichen Tierstück vereint auf einem Teller – ein echtes Garzeitenroulette.

 

Das haben die Hühnerdiamanten gemein mit einem anderen, in der Besseressergastronomie extrem beliebten Fleischabschnitt – den Backen. Sei es als geschmorte Rinderbacken im Edelgulasch, als hauchzarte Milchkalbsbäckchen im Morchelrahm, als Seeteufelbäckchen mit Ecrevisses a la nage (gedünsteten Krebsen) oder als Backen vom Spanferkel mit Hirserisotto, molekularen Lauch-Canelloni und Karotten-Petersilie-Domino.

 

All diese Highend-Zutaten stehen immer wieder putzmunter und saufrech auf den Sternespeisekarten, und bei der Frage nach dem „woher“ schweigen die Kochmützen ebenso grabesmäßig wie bei der Frage „warum“ (gut, dies hat andere Gründe). Wo zum Teufel soll Otto Normalkocher eine Bio-Zickleinkeule mit Röhrenknochen, ein feinst marmoriertes Entrecote vom Wagyu Kobe-Rind, ein irisches Anguslammkarree, ein fettes Côte de Boeuf vom französischen Charolais-Rind, ein elsässisches Rebhuhn oder die berühmten Bäckchen vom spanischen Joselito Ibérico Schwein („70% Eichelfütterung“) herbekommen?

  

Bevor sich alle, denen jetzt längst das Wasser schon aus dem Mund heraus läuft, die Zähne weiterhin an solchen Beschaffungskriminalitätsproblemen ausbeißen, hier ein paar Tipps: Wer in der Nähe von Berlin, Essen, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Stuttgart oder Wien lebt, könnte eine Filiale vom Frischeparadies  ansteuern. Ansonsten geht online immer was  bei Gourmetfleisch (Steaks),  den Genusshandwerkern (holländisches Milchkalb, Lamm aus Irland und Frankreich, Charolais-Rind, Buntes Bentheimer Schwein, elsässisches Effilee), dem Frankenmetzger Böbel  (für Kenner: Schäuferle) und natürlich den Hoflieferanten der Sterneköche, die Gebrüder Otto (Fleischolymp vom Tiroler Kaisermilchkalbcarrèe über Taubenfilets bis zum Sot-l'y-laisse).



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Wichtig ist, was hinten raus kommt

 

Flatulenz gehört zum typisch deutschen Essen wie Saumagen in die Pfalz. Vor schlechter Atmosphäre nach dem Mahle hilft kein Sternekochkurs und kein höherer Schulabschluss. Dennoch gibt es ein paar Küchen-Kniffe, die auch den rabiatesten Rektal-Rambo zähmen können.

 

Als ich Anfang der 1990er Jahre in einer Zeitschriftenredaktion das HiFi-Ressort betreute, durfte ich eines Abends die Redaktionsparty mit imposanten Test-Boxen beschallen. Zu fortgeschrittener Stunde demonstrierte ich dem stark angetrunkenen Chefredakteur die Leistungskraft der großen Basslautsprecher, indem ich aus 20 Zentimeter Entfernung mein Feuerzeug nur von dem Luftzug des Subwoofers ausblasen ließ. Mein Chef zeigte sich unbeeindruckt: „Dein Zippo kann ich Dir auch ausfurzen.“

 

Ich war froh, wieder einmal etwas von ihm gelernt zu haben: Erstens, dass Medienkollegen auch deshalb zu Führungspersönlichkeiten reifen, weil sie die Heftigkeit des Ausdrucks im Zweifelsfalle über die Korrektheit des Inhalts stellen. Und zweitens, dass man, will man Chef werden oder bleiben, keine Angst davor haben darf, sich auch mal gehörig den Arsch zu verbrennen.

 

Genau das nämlich hätte ihm geblüht, wenn er tatsächlich eine geballte Ladung Darmwinde mit ihrer hoch brennbaren Mischung aus Wasserstoff und Methan direkt ins offene Feuer flatuliert hätte. Ein schönes, fast vergessenes Verb übrigens, dessen Substantiv in unseren Ohren deutlich feiner klingt als der gemeine Furz. Das war nicht immer so. Luthers angebliche Tischrede "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?" ist dem Kirchengründer zwar erst im 18. Jahrhundert angedichtet worden, verbrieft ist aber Luthers, in der Führungskraftdiskussion wieder hochaktuell gewordenes, "Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz."

 

Was uns unweigerlich zu der Frage führt, warum es angesichts der unglaublichen Mengen Treibhausgase (Methan, Kohlenstoffdioxid, Schwefelwasserstoffe), die die Menschen früherer Jahrhunderte hinter sich ließen, nicht schon im Mittelalter zu einem grausig global warming gekommen ist.

 

Denn damals ernährte sich der Großteil der Bevölkerung Europas von Speisen, die bis heute zu Recht den Ruf haben, durch ihre blähende Wirkung jegliche vielversprechend beginnende zwischenmenschliche Interaktion jäh beenden zu können: Getreidebrei, Kohl, Zwiebeln, Wurzeln, sowie Eier und Hülsenfrüchte als wichtigste Eiweisslieferanten in einer an regelmäßigem Fleischkonsum armen Epoche, die andererseits Ende des 19. Jahrhunderts einige begnadete Kunstfurzer wie den Franzosen Joseph Pujol hervorbrachte, in dessen Fußstapfen später nur der Brite Paul Oldfield passte, die im Juli 2000 unter dem Künstlernamen Mr. Methane  das leider längst vergriffene Kult-CD „ Anal Madness from the Man with the Rumbling Ring“ flatulierte.

 

Wenn es heutzutage bei Ihnen hinten mal knattert und stinkt, und Sie nicht unter Flatulenz-fördernder Lactoseintoleranz leiden, müssen Sie sich dennoch nicht schämen. Von den rund 15 Litern Gasen, die bei der täglichen Verdauung im Körper entstehen, wird bis auf etwa einen halben Liter der Großteil über das Blut und die Lungen entsorgt, der Rest geht meistens leise und unbemerkt unter die Bettdecke. Bei schmerzhaften Blähungen vor dem Einschlafen helfen Fencheltee, Wärmflasche und sanfte, kreisförmige Bauchmassagen (wichtig: immer im Uhrzeigersinn streicheln!).

 

Als Hobbykoch steht man den Bekochten gegenüber natürlich in der Verantwortung, schon in der Küche alles Menschenmögliche zu tun, um spätere Peinlichkeiten zu vermeiden. Beim Sauerkraut hilft, es nach dem Salzen lange gären zu lassen. Generell flatulenzsenkend sind bei sämtlichen blähenden Speisen Gewürze mit karminativ wirkenden ätherischen Ölen. Also: Kümmel im Kohl, Anis und Fenchelsaat in den Bohnen, kleine und feste Zwiebeln mit etwas gemahlenen Koriander anschwitzen, ein paar frische Pfefferminzblätter oder Curcuma zu den Wurzeln geben.

 

Auch dem Wermutkraut wird nachgesagt, die Darmwinde abflauen zu lassen. Am wirkungsvollsten, indem man sich den Thujon-Flash in Form von mehreren Gläsern Absinth nach dem Krautmahl reinpfeift. Das törnt dermaßen, da kommt auch der verzagteste Arsch fröhlich in Fahrt.

 

Rezept dazu: 

 

Crepinette vom Fasan mit Wacholder-Rahmsauce

 



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Heul doch!

 

Wenn beim Küchendienst dicke Tränen die Hobbykochbacken hinunterlaufen, ist seelische Pein in den seltensten Fällen der Grund. Meist liegt es an der Zwiebel, der Lauchstange oder dem Meerrettich auf der Reibe. Hier ein paar Tipps – wenn mal wieder alles zum Heulen ist.

 

Sonst bin ich eigentlich nicht so nah am Wasser gebaut, und auch bei Tierbabydramen im Kino heule ich nur selten. Doch kaum, dass mein Messer nur einen Millimeter tief in eine frisch geschälte Zwiebel dringt, schießen schon die ersten Tränen über meine Hobbykochwangen. Bevor Sie jetzt einen lieb gemeinten alten Hausfrauenrat ins Forum posten – ich kenne sie alle.

 

Mit einem Schluck kaltem Wasser im Mund schnitt ich die zuvor in Wasser eingelegte Zwiebel im Sitzen mit einem nassen Messer auf einem ebenso nassen Schneidbrett, mit einer brennende Kerze zwischen mir und dem Biest. Und was passierte? Ich flennte, was die Drüsen hergaben. Nichts half. Kein Dunstabzug, kein Essig im Mund, keine Streichhölzer zwischen den Zähnen oder Löffel zwischen den Lippen.

 

Für viele Rezepte benutze ich schon lange die weitaus weniger aggressiven Schalotten, doch manchmal muss es die hundsgemeine, gelbe, weiße oder rote Speisezwiebel sein. Aber zu welchem Preis? Zwei Tage lang mit Horst-Tappert-Augen herumlaufen? Oder den Sparvertrag kündigen und einen Kinderklinikbrutkasten kaufen, in dem ich mit von außen durchgesteckten Latexhandschuhen unter hermetischem Luftabschluss endlich tränenfrei das Heulgemüse klein kriege?

 

Mit Taucherbrille und Schnorchel an die Zwiebelfront

 

Ich entschied mich dafür, mich auf andere Weise lächerlich zu machen, ohne gleich in tiefe Armut zu verfallen: Auf Anraten eines ähnlich empfindlichen Kochfreundes hin kramte ich meine alte Taucherbrille samt Schnorchel aus dem Keller. Es war die Erlösung! Drei Zwiebeln geschält, die erste klein geschnitten – und noch immer keine einzige Träne vergossen! Doch leider wirft jedes Licht seinen Schatten. Bei der zweiten Zwiebel fing die Tauchermaske an zu beschlagen, die letzte Hälfte der dritten Zwiebel schnitt ich im totalen Blindflug. Nein, die Geschichte hat kein Happy End. Der lange, tiefe Schnitt im linken Daumen musste mit fünf Stichen genäht werden.

 

Seit diesem Tag habe ich die Nase voll von Hausmittelchen. Ich kippe vor dem Zwiebelschneiden das Fenster, nehme mein schärfstes Gemüsemesser, versuche, vor allem mit dem Mund zu atmen und stelle mich ansonsten wie ein Mann dem aufsteigenden Allicin, jenem schwefelhaltigen, ätherischen Öl, mit dem sich die Zwiebel, aber auch frischer Lauch, Meerrettich oder Frühlingszwiebeln ihrer natürlichen Feinde zu erwehren versuchen. Das kann ich ihnen nicht verübeln – auch ich würde jeden, der mich erst häutet, um mich dann in kleine Würfelchen zu schneiden, als meinen natürlichen Feind betrachten.

 

Haben wir den Kampf gegen die Heulmonster also doch verloren? Nicht ganz, es gibt einen geheimen Pfad zur Augentrockenheit. Der Apfel. Aber nur im kalauwarmen Witzmillieu: statt Zwiebel einfach einen Apfel klein schneiden.

 

Leider ohne Alternative ist die Küchenheulsuse beim heutigen Rezept, in dem der frisch geriebene Meerrettich – noch so ein Tränendrücker vor dem Herrn – die männliche Hauptrolle spielt: Meerrettich-Espuma mit Lachsbonbons.

 

 

Als überzeugter Messerakrobat komme ich so gut wie nie auf die Idee, diese Mini-Küchenmaschine, die als Zugabe zu meinem Schneidstab mitgeliefert worden war, aus dem hinteren Winkel des Schrankes hervorzukramen. Das schnelle Zerkleinern von frischer Meerrettichwurzel im verschlossenen Behälter gehört dazu – aber nur weil der Kren ohnehin zur Suppe verkocht wird. Doch Maschine hin oder her – für den zu feinem Schnee geriebenen  Deko-Meerrettich müssen dann doch ein paar Tränen fließen.

 

Und wenn der eine oder andere Mitesser zu Tisch dann feuchte Augen ob der bislang nicht gekannten Luftigkeit unseres Krenschäumchens bekommt, liegt das an der weiblichen Hauptrolle – einer Schaumschlägerin namens ISI-Thermowhip. Mit keiner anderen im Privathaushalt realisierbaren Methode kann man mit derart viel Luft eine schnöde Creme zu einem himmlischen Espuma aufblasen wie mit den N2O-Kapseln eines Sahnesyphons.

 

Wer das nicht glaubt, soll rühren.

 

Bis er heult.



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Blaukraut bleibt Brautkleid

Na, mal wieder einen knallroten Kopf gehabt? Kein Problem, solange es sich dabei um einen frischen Rotkohl handelt. Denn nicht nur aktuelle Warentests haben ergeben: Der Deutschen liebstes Wintergemüse taugt nicht aus Konserven.

 

"Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid" - wer diesen Zungenbrecher nach einem typischen Wintermahl mit Aperitif, zwei, drei Gläsern Rotwein, Schnaps, einem Kilo Fettgeflügel, drei Knödeln und einem Berg Rotkohl auch schnell noch fehlerfrei aussprechen kann, darf sich als Tagessieger feiern lassen. Trotz der gefühlten 20.000 Kalorien und des in Folge eines Blutstaus im mittleren Körperbereich hochroten Kopfes.

 

Da hat es der Brassica oleracea, der zur botanischen Familie der Kreuzblütler gehörige Kohl, schon besser. Sein Kopf wurde rot, als es in Urzeiten zu einer Spontanmutation des Weißkohles gekommen war und er plötzlich wasserlösliche Anthocyane bildete, die bei vielen Pflanzen (Brombeeren, Auberginen, schwarze Bohnen) für eine mehr oder minder kräftige Färbung in Richtung rot oder blau verantwortlich sind.

 

Ob auf dem Teller dann schließlich ein norddeutscher "Rotkohl" oder ein bayerisches "Blaukraut" dampft, hat andere Gründe. Der rohe Kohl liegt farblich eher in der Mitte, also lila/violett mit leichten Nuancen, die dem ph-Wert der Anbauböden zugeschrieben werden: In sauren Böden dominiert das rötliche, in alkalischen das bläuliche. Eine Marotte, die sich auch bei der Zubereitung fortsetzt. Wer, wie im Norden Deutschlands und einigen Teilen Badens, seinen Kohl mit Essig und Rotwein zubereitet, wird eher Rotkohl auf den Tisch bringen als ein Bayer, der mit Zucker oder gar Backpulver (geht auch mit Speisenatron) sein Blaukraut coloriert.

 

Wegen genau dieses feinen Säure-Süße-Base-Spiels habe ich, das muss jetzt mal raus, lange Jahre meist nur leicht nachverfeinerten Rotkohl aus dem Glas gegessen. Mir waren zwei, drei Versuche mit dem rohen Kohlkopf nie so gut gelungen, dass sich die perfekte Balance meines Lieblingsindustrie-"Apfelrotkohls" als schlagbar erwiesen hätte. Zwei Ereignisse binnen kürzester Zeit haben mich nun zum klaren, frischen Kopf bekehrt.

 

 

Dumm, fett und krank mit Glukose-Fruktose-Sirup

 

Zum einen las ich beiläufig nach Jahren wieder einmal die Inhaltsangabe des gekauften Glases. Schock: Die süßen inzwischen nicht mehr mit Zucker (ja, ja, schlimm genug), sondern mit Glukose-Fruktose-Sirup. Nach allem, was ich über die volksgesundheitliche Wirkung dieses Zuckerersatzes aus Maisabfällen in den USA (dort heißt er high corn syrup / HFCS) gelesen habe - das geht von Fettleibigkeit über Kinderdiabetes bis zum Magen/Darmkrebs - hatte ich mir eigentlich geschworen, dieses Zeugs nie wieder freiwillig in den Mund zu nehmen. Wer oft und gern mit frischen Zutaten kocht, kommt da insgesamt ganz gut herum.

 

Zum anderen kam genau in diesen Tagen eine Untersuchung der Stiftung Warentest heraus, in dem fast alle 25 getesteten Rotkohlprodukte aus Glas, Schlauch oder TK-Packung eher durchschnittlich oder schlecht abschnitten: Der Kohl roch nach Stall oder künstlichem Rauch, war brutal essigsauer oder hatte eine Gummi-Konsistenz.

 

Und vom Vitamin C, im Rotkohl wesentlich höher konzentriert als in seinem hellgrünen Weißkraut-Bruder, war in den Konserven fast nichts mehr zu finden. Schade, denn mit hohem Gehalt an Calcium, Eisen und Kalium, Mineralstoffen und Vitaminen aus der B-Gruppe ist der krause Rote nicht nur ein dankbarer, weil im Winter gut haltbarer Vitalstofflieferant - er sorgt im Dreiklang mit Fleisch/Sauce und Sättigungsbeilagen von Knödel bis Krokette auch für einen gesunden Tupfer in den sonst eher von Fettgier geprägten Essenspräferenzen der dunklen Jahreszeit.

 

Für den "perfekten Rotkohl" haben wir ein bisschen den Sterneköchen auf die Finger geschaut und drei wesentliche Tricks abgeguckt: Erstens nicht direkt mit den typischen Gewürzverdächtigen (Lorbeer/Wacholder/Nelke/Muskat etc.) würzen, sondern einen Auszug davon herstellen und den gehobelten Kohl damit zwei Tage lang ohne Luft marinieren. Zweitens diese Marinade mit einem braunen Zuckerkaramell ansetzen (steht dann etwas unscharf formuliert als "karamellisierter Rotkohl" auf der Speisekarte) und drittens der Frischekick durch ein paar marinierte Bio-Orangenzesten, die kurz vor Ende der Garzeit in das noch deutlich bissfeste Kraut gehoben werden. Hier geht's zum Rezept...

 

 

 

Nach so viel Feinarbeit im roten Bereich darf der Koch dann mit vollgefressenem Bauch auch ein paar Tage blau machen.

 



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Kürbis-Massaker beim Kindergeburtstag

 

Wenn uns am Vorabend von Allerheiligen wieder Horden von Halloween-verseuchten Kleinkinder-Untoten schleimige Kaugummis auf die Türklingel schmieren, müssen wir uns nicht kampflos ergeben. Ambitionierte Köche schießen zurück – mit zart schmelzendem Butternutkürbis-Espuma.

 

 

Es muss ein Virus sein, das große Teile unserer Bevölkerung jedes Jahr pünktlich Ende Oktober befällt. Und wie viele postmoderne Übel kommt auch diese Nerverei aus den USA: „Halloween“ stammt von „All Hallows’ Eve“ (Vorabend von Allerheiligen) ab, und angeblich sollen hierzulande schon die Kelten in dieser Nacht ihr Samhain-Fest gefeiert haben. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich die Kelten-Kids damals alberne Kürbisse aufgesetzt und von wildfremden Felljackenheiden lautstark Met-Bonbons erpresst haben.

 

Mich erwischten sie letztes Jahr. Eine durchgeknallte Dutzendschaft zuckergeiler Knirpse enterten den Hausflur, drei oder vier dieser Bestien schafften es, sich zu mir in den Aufzug zu quetschen. Ihr „Süßes oder Saures!“ parierte ich energisch mit „Schnauze sonst Beule!“

 

Doch der antiautoritäre Mini-Mob ließ sich davon nicht einschüchtern. Mit windmühlenartigen Armbewegungen und einem mehr schlecht als recht imitierten Michael-Myers-Gesicht  hielt ich sie mir halbwegs vom Leib, rettete mich schweißgebadet in die Wohnung und entdeckte dort die fürchterliche Rache der Kürbisköpfe: die komplette Rückseite meiner Barbourjacke war mit schmierigen Kaugummiresten verklebt, die Spezialreinigung kostete mich schlappe 25 Euro.

 

Dieses Jahr bin ich klüger, bleibe zuhause und koche meiner Frau Silvie ein feines Herbstgericht aus zwei verschiedenen Kürbissorten. Das ist nicht besonders viel angesichts der mehr als 850 verschiedenen Ausprägungen dieser Frucht, zu deren Familie auch Gattungen wie Gurken, Melonen und Zucchini gehören.

 

Auf vielen Wochenmärkten sehen wir in diesen Wochen hübsch arrangierte Fruchtberge, oft sorgfältig aufgeteilt in essbares Gemüse und giftige Zier-Kürbisse. Als Laie sollte man im Zweifelsfall lieber den Kaufmann/Bauern fragen. Unverdächtig sind prinzipiell der orange Muskatkürbis, der rote Hokaido (gibt es auch in dunkelgrün), der längliche, gelbe Butternut, die eher zum Füllen geeignete Bischofsmütze und der etwas wässrige Patisson. Die überformatigen Halloween-Kürbisse sind besser zu schnitzen als zu essen.

 

Vor allem Kürbisse, die aus Wildsamen selbst im Garten gezogen wurden, muss man stets erst mal roh versuchen. Schmeckt er bitter: aushöhlen und ein Teelicht rein stellen. Denn der bittere Geschmack stammt von Cucurbitacinen, das sind giftige tetrazyklische Triterpene, die bei gesunden Menschen Übelkeit und Magenkrämpfe, bei Kindern, Senioren oder Geschwächten sogar einen Kollaps hervorrufen können.

 

Ansonsten sind die Kürbisse extrem gesunde, vielfältig zubereitbare und außergewöhnlich lang haltbare Essensgenossen, die unsere volle kulinarische Aufmerksamkeit verdienen. Mit 90 Prozent Wasseranteil, nur 25 Kilokalorien pro 100 Gramm und glykämisch auf der guten Seite stehenden Kohlehydraten lässt sich der Kürbis von süß bis salzig zubereiten und macht auch  als Püree-Beilage, Suppe, gratiniert, gebacken oder als Gnocchi eine gute Figur.

 

Unsere Halloween-Schaumsuppe ist inspiriert von Deutschlands bestem Koch Harald Wohlfahrt und verleiht dem ohnehin sehr cremigen Butternut eine ungeahnte Luftigkeit.

 

 

Bitte üben Sie diesen speziellen Umgang mit dem Sahne-Syphon bevor die Gäste kommen – am besten in der Spüle. Wenn Sie nach dem Essen noch etwas Espuma im Druckbehälter haben und von einem dieser wild gewordenen Halloween-Gören mit der Wasserpistole bedroht werden, wissen Sie ja, womit Sie zurückschießen können.



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Fleischeslust

 

Eine fleischeslustige Zeitschriftenneugründung inmitten der Medienwirtschaftskrise bringt frischen Wind auch in den Blätterwald der Food-Magazine: Als Vorabwehrmaßnahme gegen den Neuling „Beef!“ haben „essen & trinken“ und „Der Feinschmecker“ aufgerüstet. Mehr oder weniger.

 

 

 

Ein rohrotes Steak auf dem Cover, dazu markige Zeilen wie „Das Blut von Tokio“ (Fischmarkt), „Ein Dossier, das knallt“ (Wein-Report) oder „Kann man eine Frau ins Bett kochen?“. Keine Frage, welches Kochgeschlecht „Beef!“ anpeilt. 100.000 Stück Auflage, mit Gruner & Jahr ein Großverlag im Rücken, dazu eine klare und zeitgemäß konsequent durchdeklinierte Zielgruppenansprache – das Blatt wäre nach den inhaltlich interessanten, kommerziell aber eher wie Fanzines geführten Foodies „Port Culinaire“ und „Effilee“ die erste ernste Konkurrenz für die Platzhirschen dieses Mediensegmentes.

 

Der Konjunktiv wiegt dennoch schwer, denn „Beef!“ soll nur vierteljährlich erscheinen. Was den beiden Monats-Oldies – „essen & trinken“ aus dem gleichen Verlag (Auflage 174.632) und der im Jahreszeiten Verlag erscheinende „Feinschmecker“ (Auflage 95.568) – dennoch derartigen Schrecken einjagt, dass sie einen Monat vor der neuen Konkurrenz ihre Hefte modernisiert haben. Der „Feinschmecker“ schafft das sogar mit einer Redaktion in Kurzarbeit.

 

Das erste „Beef!“-Titelmotiv war durch die Vorabwerbung hinlänglich bekannt: ein zum Tournedo gebundenes Rinderfilet mit dem Wording „Das beste Steak der Welt“. Und womit reagiert die Konkurrenz? Der „Feinschmecker“ klatscht ein leicht übermaillardiertes (in vulgo: etwas verkokeltes) Stück Porterhouse-Steak mit drei Pommes im Hintergrund auf den Titel und mag auch bei der knallroten Zeile „Die neue Lust auf Fleisch!“ auf das Ausrufezeichen nicht verzichten.

 

Und „essen und trinken“? Bringt als Titelbild ein mit Pancetta bardiertes Rinderfilet. Originell ist das alles nicht, wobei der Relaunch von „e&t“ das Heft tatsächlich vier bis fünf Jahre nach vorn gebracht hat: stylisches Mattpapier für den Umschlag, hausfräuliche Leserberatung nach hinten, dafür ein flottes Magazin nach vorne, und die Bild/Layoutsprache auf der Höhe der „LandLust“-Moderne – jenem großen Krisengewinnlerblatt (es hat im 3. Quartal fast so viele Leser dazu gewonnen, wie „e&t“ Hefte verkauft), das sich ähnlich wie das alte Kochflagschiff primär an weibliche Leser jenseits der 50 in eher ruralen Lebenssituationen wendet.

 

 

Eben diese Zielgruppe wird an dem Relaunch wenig zu meckern haben, außer vielleicht, dass das Rätsel am Heftende weg gefallen ist und bei den Rezepten keine Kalorienangaben mehr stehen. Und es wird ihr auch entgehen, wo sich die Blattmacher iher Ideen geholt haben. Die Gestaltung des Rezept-Einseiters „25 Minuten“ ist auffallend identisch mit der Rubrik „Schneller Teller“ in „Effilee“. Doch dass diese Seite widerum dreist von der Gestaltung des Ressorts „Rezipes A-Z“ im US-amerikanischen „Gourmet“-Magazin abgekupfert worden war, wird bald nicht mehr auffallen – der Conde Nast-Verlag macht gerade die beiden die Kochmagazine "Gourmet" und "Cookie" dicht.

 

 

Seite aus "essen & trinken", "Effilee" und "Gourmet": Inspirationskette oder Ideenklau?

 

Auch „Der Feinschmecker“, das Zentralorgan der deutschen Foie Gras-Esser und Chateau Petrus-Trinker wird mit dem jüngsten Rebrush die zunehmende Überalterung seiner Leserschaft nicht aufhalten können. Das Heft erhöht aber durch gute neue Magazin-Abschlagseiten der Ressorts oder frische Ideen wie „1 Wein – drei Meinungen“ immerhin den Nutzwert – auch wenn der Start der Serie „Kulinarische Moden“ nach hinten los geht: Das dort vorgestellte Molekularküchenwunder „Peta Zeta“ (eine Art Brausepulvergranulat) gibt es als „Fizzy-Textura“ schon seit ein paar Jahren.

 

Da ist „Beef!“ trotz einiger klebriger Testosteronspritzer in manchen Überschriften und Vorspännen  um Lichtjahre weiter. Edles Mattpapier von vorne bis hinten, eine eigenständige, männlich-moderne Optik, und gleich auf Seite 11 hängt schon ein totes Kaninchen, das auf den Folgeseiten in zehn Stepfotos abgezogen, ausgelöst, zerlegt und zubereitet wird. Spätestens hier ruft die vorletzte Hausfrauenleserin den Notarzt. Gut, dass sie nicht weiter liest: Es folgt ein peruanisches Meerschweinchenrezept, ein Peking-Restaurant-Tipp für Hoden- und Penis-Spezialitäten, ein blutiger Edelmesser-Test in „Tatort“-Optik, ein riesiger 4-Gang-Rezept-Centerfold sowie gut recherchierte Reports über die Weinwelt, die Lieblingsrestaurants des Papstes, Eigenherstellung von Mozzarella und dazwischen immer wieder  simple, aber extrem effiziente Rezepte. „Beef!“ will ein wenig zu  lautstark Produkte verkaufen und sucht zwischen den Zeilen  deutlich nach dem korrekten Männersprachton zwischen Hormonen und gelebter Lässigkeit. Aber auch das kocht sich noch ein.

 

Bevor wir das Wichtigste vergessen: Kann man denn nun eine Frau ins Bett kochen? Der von „Beef!“ interviewte Gastronomiesoziologe Prof. Alain Drouard windet sich in seiner Antwort („Kochen können … ist sicher von großem Vorteil.“), wird dann aber doch konkret: „Für sich genommen, ist der Versuch, eine Frau ‘ins Bett zu kochen’ also genau so dumm wie der, eine Frau ‘ins Bett zu schwatzen’.“

 

 

Da gibt’s nur Eins: Klappe halten, ab in die Küche. Es gibt Fish 'n' Chips. In der „Beef!“-Tüte.

 



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Dessert Cowboys

 

Last man standing: Wenn alle anderen Köche längst  beim After-Work-Bierchen sitzen, schwitzt der Patissier noch zwischen Souffle, Brûlée und Fernweh. Und was erntet der einsame Dessert Cowboy für seine süßen Versprechen? Bittere Witze vom Chef.

 

Passend zu dem Vorurteil, dass die Patissiers eine Kochmenschenrasse niedrigerer Rangstufe seien, fahren wir doch gleich mal das Witzniveau herunter. Frage: Was ist der Unterschied zwischen dem Nachtischkoch und dem Empfangschef? Antwort: Der Patissier bläst dem Gast den Zucker vorne rein.

 

Wenn der das überhaupt will. Nicht wenige sind nach den ersten zwei (oder sechs) Gängen so voll, dass ein Dessert beim besten Willen nicht mehr hinein passt zwischen Zwerchfell und Dünndarm. Das Dicke Ende des Menüs entfällt deshalb oft genug zu Gunsten kleiner, hochprozentiger Verdauungshilfen, auch wenn die ernährungsphysiologisch  gesehen der geordneten Verdauung des Vorangegangenen ebenso abträglich sind wie ein kleines süßes Mäulchen voller Zuckerbuttersahnefrüchteschoki.

 

Der Nachtischmensch (hier liegt die Frauenquote leicht über der anderer Kochposten) macht zwar nicht als letzter die Lichter aus am Küchenabend, meist putzt irgendwer noch irgendwas blank für den nächsten Tag. Als Verantwortlicher für den letzten Gang ist er aber so etwas wie der Bestatter in der Brigade – er bleibt als einziger Koch, bis auch dem letzten halb tot gefressenen Gast in den Mantel geholfen wurde.

 

Und wenn diesem mal wieder eine eiskalte Creme Brûlée mit lauwarm-matschiger Karamelloberfläche serviert worden war, weiss er zumindest, das in diesem Restaurant die Anfang des 20. Jahrhunderts von Auguste Escoffier (1846 - 1935) ersonnene strikte Aufgabenteilung der Brigade nach dezidierten Posten so genau nicht genommen wird und wahrscheinlich der phillippinische Beikoch nach 13 Stunden Fronarbeit das Creme-Förmchen lange vor den "Tagesthemen" fertig gebrannt und kalt gestellt hat, um noch rechtzeitig zum Karaoketreff mit seinen Landsleuten zu kommen.

 

Wer als letzter geht, kommt meist auch später als die anderen, allein deshalb ist der Patissier nicht der beliebteste in der Küche – zumal er (vor allem aus Hygienegründen) meist auch noch sein eigenes kleines Zimmerchen oder Eckchen zum Arbeiten hat. Als Johannes Lafer noch der Laferhansi war, der nach seiner Kochausbildung Ende der 1970er Jahre beim Berliner Hotel "Schweizer Hof" anheuerte und prompt sein erstes 300-Mann-Buffet verbaselte, schickte ihn der Chef sofort zurück an den Zuckerposten, wo er sich in wenigen Monaten zum Chef-Patissier hocharbeitete. Und nun erst recht nicht sonderlich beliebt war bei seinen Kollegen.

 

"Da wir für die Zubereitung der Desserts", erinnert er sich in dem Buch "L:Lafer" "regelmäßig Hochprozentiges brauchten, gab es einige angebrochene Schnapsflaschen",  aus denen Lafer jeden Morgen den Kollegen Cocktails mixte. "Die Patisserie avancierte zum Treffpunkt der Brigade, ... ich hatte den Eindruck, dass ich in der Hierarchie der Köche jetzt nicht mehr auf der untersten Stufe stand."

 

Es kam, wie es kommen musste: Lafer überschritt den üblichen Alkoholverbrauch seines Postens um 300 Prozent, wurde vom Chef furchtbar abgewatscht und kochte sich anschließend bei Josef Viehhauser (Hamburg), Dieter Müller (Wertheim-Bettingen) und Eckart Witzigmann (München) in den deutschen Patissier-Olymp.

 

Dass Lafer auch als Chef de Cuisine reüssieren konnte, bleibt die Ausnahme; nur ganz selten kochen sich Zuckerbäcker (der Patissier liefert in vielen Küchen auch die Petit Fou, das Brot/Brötchen, das Speiseeis und die Teigwaren für andere Posten) an die Spitze. Doch auch wenn selbst Süßwarengötter wie Gilles Marchal, Eddy Benghanem, Christophe Michalak, oder Philippe Conticini – ganz zu schweigen von Titanen wie Pierre Hermé oder Lafer-Lehrmeister Gaston Lenôtre – in keiner der gängigen Köche-Ranglisten auftauchen: hinter jedem Sternekoch steht auch ein genialer Letzter Mann.

 

Harald Wohlfahrt und Nils Henkel zum Beispiel haben mit Pierre Lingelser und Frédéric Guillon gleich einen "Patissier des Jahres" (Gault Millau 2009 und 2004) in der süßen Ecke stehen – wie Guillons Ex-Chef Dieter Müller bekennt, "ein dicker Pfeiler meines Erfolges". Ein dickes Lob aus dem Mund eines schlanken Spitzenkoches, die sonst oft darüber witzeln, dass sie die genialsten Gerichte aus dem Handgelenk hinzaubern, während der Kuchenkollege nur im Ausnahmefall mit unsüßen Aromen spielen darf (Chili, Salz, Pfeffer) und stets mühsam jede Zutat ganz genau abwiegen muss.

 

Eine Präzision, die extreme Konzentration bei der Arbeit erfordert – da macht auch das Kochmonster-Rezept für vertikalen Apfelstrudel keine Ausnahme.

 

 

Doch damit schlagen Sie auch dem hummertrüffelentenleberchampagnerverwöhntesten Mitesser einen Pfeiler in seine kulinarischen Lebenserinnerungen.

 



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total unkohl 

 

Kohl nimmt auf dem Speiseplan eines Volkes, das jahrzehntelang von europäischen Nachbarn als die „Krauts“ belästert wurde, naturgemäß einen breiten Raum ein. Gute Gelegenheit, zur Ernte der grünen Köpfe über den Klassiker nachzudenken: die Kohlroulade.

 

Man ist, was man isst. Zumindest für die Anderen: Der britische Marinesoldat wurde als „Limey“ verspottet, weil ihm bis in das erste Drittel des letzten Jahrhunderts Unmengen von Zitrusfrüchten auf die Fahrten als Proviant mitgegeben wurde – zur Vorbeugung gegen die Mangelkrankheit Skorbut. Schon 1754 hatte der englische Schiffsarzt James Lind entdeckt, dass mit diesen Früchten dem gefürchteten Vitaminmangel auf den langen Überfahrten vorgebeugt werden kann.

 

In anderen Ländern wie Russland oder den Niederlanden wurde beobachtet, dass der mit Hilfe von Salz und Luftabschluss durchgegärte Weisskohl einen ähnlich positiven Effekt auf die Matrosengesundheit hat, doch keine Flotte stopfte ihre Mannschaften quer durch alle Dienstgrade so konsequent mit dem auch ohne viel Kühlung lange haltbaren Sauerkraut voll wie die Deutschen. Bis in die 1970er Jahre waren wir für die Nachbarn auf der anderen Seite des Ärmelkanals so sehr „The Krauts“, dass sie auch unser lautstarkes, verschwurbelt-verkopftes Progressivgeklopfe schlicht „Krautrock“ tauften.

 

All dies mag dazu beigetragen haben, dass in der Hochküche die beim Normalesser nie aus der Mode gekommenen grünen und roten Köpfe jahrzehntelang noch nicht einmal mit Silikonhandschuhen angefasst wurden. Das betraf gleichermaßen die blättrigen Sorten wie Blaukraut (im Norden: Rotkohl), Weisskohl, Wirsing, Spitzkohl, Cima di Rapa (Stengelkohl), Braun (Grün-)kohl oder Rosenkohl, wie auch Stammkohl (Kohlrabi) und Blütenstandskohlsorten (Brokkoli, Blumenkohl, Romanesco). Dass vor nicht allzu langer Zeit die „magische Kohlsuppe“ zum angeblich garantierten Abbau diverser unerwünschter Wölbungen im mittleren Körperbereich wenn nicht in aller Munde, so doch in jedem Frauenmagazin zu finden war, konnte das versaute Gourmetimage der Pflanze erst recht nicht retten.

 

Einzige Ausnahme, zumindest in der asiatischen Küche, war schon immer der längliche, herzhafte Pak-Choi (chinesischer Senfkohl). Doch auch die eine oder andere heimische Kohlsorte taucht seit wenigen Jahren verstärkt auf dem Produktradar der Spitzenköche auf. Wirsing ist da noch nicht zu finden, auch die meisten Weiss- und Rotkohl-Zubereitungsarten gelten für Sternelokale noch immer als viel zu fett, dumpfbackig und unfein. Der Blumenkohl machte immerhin in seiner zum Gemüse-Couscus gekutterten Version eine kleine Karriere bei spanischen Avantgardeköchen, während heimische Chefmützen schon mal ein paar versprengte Rosenkohlblättchen neben das sous vide gegarte Rehnüsschen zupfen.

 

Doch die ganz große Bresche in die Phalanx der Verweigerer sprengte der Spitzkohl, vor allem in seinen Baby-Reifegraden, in denen er meist zwischen August und November geerntet wird. Von der Blattstruktur und der Zelldichte viel feiner und ebenmäßiger als seine derberen Verwandten, eignet sich das spitze Köpfchen auch wegen kürzerer Garzeiten, feiner balancierter Eigensüße und insgesamt sogar in bissfester Textur (für Highend-Kochschaffende ein wesentliches Argument) kaum blähender Gesamtbekömmlichkeit als Gemüsebeilage, mit der Teuerprodukte wie Wildfilets, Edelfisch oder gar Krustentiere auf Augenhöhe begleitet werden können.

 

Diese Entwicklung greift das nicht ganz einfache, Rezept für Luxus-Krautwickel Kohlrouladen del Mar auf: Spitzkohl statt Wirsing, frische Garnelen und Saibling für die Füllung, dazu ein Fenchelrisotto, Zuckererbsen und eine cremige Velouté – alles aus frischen, ausgesuchten Zutaten nach den klassischen Regeln der (Koch-)Kunst aromaschonend zubereitet.

 

 

Daneben erscheint so ein derber, mit fettem Schweinehack gefüllter und in Butterschmalz gebratener Krautwickel mit Kartoffeln doch irgendwie total unkohl.



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Schwarz-Gelbe Gefahr

Ob die Wespenplage in diesem Jahr ganz besonders schlimm ausgefallen ist, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. Sicher ist nur, dass von allen unerwünschten Mitessern am Tisch in Garten oder auf dem Balkon nichts so nervt wie Schwarz-Gelb.

 

Wenn bei Ihrem heimischen Kaffekränzchen im Spätsommer Angela Merkel und Guido Westerwelle als ungebetene Gäste hereinschneien, heisst es Ruhe bewahren. Denn im Gegensatz zu deren kleinen, fliegenden schwarz-gelben Artgenossen lassen sich die beiden viel leichter vertreiben – einfach mit den verbliebenen, nicht mitgeschickten Briefwahlunterlagen wedeln und damit signalisieren: Ihr kommt zu spät.

 

Die Wespen dagegen lassen sich von wildem Wedeln mit was auch immer überhaupt nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Je unkontrollierter der Insektenfeind um sich schlägt, desto mehr Biester machen schon mal den Stachel warm. Mensch gegen Insekt, Raubtier gegen Nützling, Goliath gegen David. Meist gewinnt im septemberlichen Kleinkrieg um den Zwetschkenkuchen der kleinere der beiden Kombattanten den Nahrungsnahkampf.

 

Im Gegensatz zu anderen unerwünschten Mitessern aus dem Tierreich wie Ratten und Mäuse, Schnecken oder Müslimotten ist gegen die Wespen kein Kraut gewachsen. Glück, bei wem nur Langkopfwespen auf dem Dachböden ihre papierartigen Nester bauen, denn die interessieren sich (wie Bienen) nicht für die Speisen des Hausbesitzers. Ganz im Gegensatz zu ihren Kurzkopf-Verwandten Vespula Vulgaris und Vespula Germanica. Die lieben Süßes wie Herzhaftes, denn sie sind in der Lage, fast jede menschliche Nahrung zu einem Brei zu verarbeiten, mit dem sie die Brut füttern.

 

Nachdem ich meinen ersten, natürlich völlig unverschuldeten, Wespenstich der Saison mühsam auskuriert hatte (die Sau war in eine Wolldecke auf dem Balkon gekrochen, und ich machte den Fehler, den Stich nicht sofort mit einer frisch angeschnittenen Zwiebel zu behandeln), veranstalteten wir im Freundeskreis den großen Abwehrtest. Immerhin weiss niemand vor seinem ersten Stich, ob er zu den drei Prozent der Bundesbürger mit Wespen-Allergie gehört.

 

Hausmittel, chemische Keulen, Elektroschocks, rauchende Colts – alles kam auf den Prüfstand. Der alte Winzertipp, am Rande der Parzellen Wespenfangflaschen mit einer speziellen Köderflüssigkeit aufzustellen (50 ml Weinessig, 50 ml Wein, 150 ml Bier, ca. 300 g Zucker und ein paar Tropfen Spülmittel je Liter) zeigte sofort durchschlagende Wirkung. Unter den Vespulavölkern der Umgebung sprach sich blitzschnell herum, dass bei den Wagners was zu holen ist. Natürlich flogen sie alle an den Tisch und keine einzige in die Falle.

 

Neurotoxikum auf der Schlagsahne

 

 

Auch die anderen Hausmittel versagten kläglich: Ätherisches Gel aus dem Baumarkt, Kupfermünzen, getränkte Salmiaktücher (wer will schon Ammoniakgestank an der Kaffeetafel?), mit Gewürznelken gespickte Zitronenhälften, Basilikumtöpfchen – alles Fehlanzeige. Das Giftspray aus der Dose („Gegen schwer bekämpfbares Ungeziefer“) erwies sich als besonders kontraproduktiv, traf nie die Wespen, legte aber eine feine Schicht Cypermethrin über die Schlagsahne, die wir dann angesichts des Neurotoxikums ebensowenig verspeisen wollten, wie den Zwetschkenkuchen nach Entzünden des Schälchens mit Kaffeepulver. Der beißende Rauch vertrieb zwar binnen Sekunden alle Wespen. Aber leider auch unsere Gäste.

 

Einer von ihnen hatte einen schwarz-gelben Kindertennisschläger bei seiner Flucht verloren. Nähere Untersuchungen ergaben, dass es sich hierbei nicht um ein CDU/FDP-Werbegeschenk im Sinne der Volksgesundheit handelte, sondern um eine elektrische Fliegenklatsche. Doch anders als bisher getestete Geräte dieser Art fehlte unserem Elektroschocker das „CE“-Zeichen. Es stammte, wie sich später herausstellen sollte, aus dem Untertresenbereich eines großen China-Import-Marktes.

 

Und genau deshalb entpuppte sich das Plastikpaddel als perfekter Killer: Mit weitaus mehr Volt aufgeladen, als es hierzulande erlaubt ist, fielen die Wespen schon nach kurzer Berührung mit den Drähten bewusstlos zu Boden. Bei etwas längerem Kontakt steigerte sich der Killer zum Griller – und die nach verschmortem Chitin stinkenden Dämpfe holten uns auf einen Schlag aus dem Kriegstraum zurück.

 

Ein Wespenvolk fängt im Laufe eines Tages bis zu 5.000 lästige Insekten (z.B. Mücken), bestäubt unzählige Pflanzen und dient als Nahrung für viele Vögel. Lassen wir sie also leben und essen diesen mit Hilfe einer japanischen Pflaumenreduktion multikulturell aufgeporschten Zwetschkenkuchen einfach drinnen in der Wohnung:

 

 

Und danach legen wir Kuchenfresser uns wieder auf den Balkon und beweinen den zunehmenden Verfall unserer Wespentaille.

                                                                                                  PETER WAGNER 



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Kill Dill

 

Jahrelang waren sie von der Hochküche ins Hausfrauenexil verbannt, die aromatischen Spitzen, Samen und Blüten der Dillpflanze. Dabei kann das Gewürz  weit mehr als nur die Nebenrolle in der Grünen Sauce. Geschickt eingesetzt wird der Dill zum Killerkraut.

 

Ach, Sie wollten längst mal wieder all Ihre verstaubten Gläser aus dem Schrank holen und ordentlich aufpolieren; indes fehlte immer der letzte Impuls? Da gibt es einen todsicheren Geheimtipp: Einfach die komplette gläserne Aussteuer in die Spülmaschine schichten, in den oberen Spülkorb ein Tellerchen mit einem Teelöffel getrockneter Dillspitzen dazu stellen, Maschine durchlaufen lassen – und schon kleben an jedem Glas hartnäckig vertrocknete, braungrüne Reste, die sich nur durch intensivstes Polieren mit dem Leintuch beseitigen lassen. Und schwuppdiwupp strahlt alles wieder im tollen Glanz und endlich klappt's auch mit dem/der Nachbar/in.

 

Alle anderen, die, warum auch immer, glauben, ihre Hechtklößchen, ihre gedünsteten Flusskrebse, ihre Schmorgurken oder ihre Sauce Tartar mit diesem staubigen, allenfalls nach modriger Sägespäne schmeckenden Gebrösel würzen zu müssen sei entgegen gerufen: Spült wenigstens die Teller, Schüsseln und das Besteck lange unter fließendem Heisswasser ab, bevor der Kram in die Maschine wandert!

 

Dabei ist das Gewürz an sich gar keine besonders ausgeprägte Zicke. Allein, es verliert beim Trocknen all seine ätherischen Öle und Duftstoffe, die es im frischen Zustand nicht nur zu dem wohl besten Begleiter von nordischen Fisch/Krustentiergerichten macht. Aber Hand aufs Herz – verlieren wir alle nicht erheblich an Charme, wenn wir langsam austrocknen?

 

Den Dill an sich gibt es im engeren Sinn gar nicht, es sind stets gleich drei Gewürze, die uns die einjährig wachsende Dillpflanze (Anethum graveolens) beschert: die stark ätherisch-frisch und grün duftenden feinen Blätter (davon am besten nur die Spitzen verwenden), die nicht mehr nachwachsen, wenn die Pflanze erst einmal ihre ebenfalls wunderbar aromatischen, aber eher ins süßlich-fenchelige tendierenden gelbgrünen Blüten ausgetrieben hat, sowie am Ende des Wachstums die Samen (die streng genommen nur Früchte sind). Letztere erinnern geschmacklich und in der Nase dezent an Kümmel, Fenchelsamen und Anis, was von der ähnlichen Verwandtschaftslinie als Doldenblütler (Apiaceae) her rührt. Bei indischen Kochbüchern ist hier Vorsicht geboten, denn die zentralasiatischen Dillsorten sind weitaus weniger aromatisch als unsere – hier also sicherheitshalber erst mal nur die Hälfte der angegeben Mengen ins Essen matschen.

 

Feuchtgebietsstörungen

 

Seinen Namen bekam der Dill wahrscheinlich vom Altnordischen "dilla", was so viel wie „beruhigen" hieß. Entsprechend unaufgeregt ist auch seine Heilsgeschichte. Seit dem Mittelalter wird er als Aufguss, roh oder in Speisen von den Kräuterweiblein gereicht gegen Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Blähungen, Hämorrhoiden, Magenbeschwerden, Gebärmutterkrämpfe, Menstruationsbeschwerden, Geschwüre – haufenweise ekliges Zeugs zwischen Darmwinden und Feuchtgebietsstörungen also. Damit will keiner was zu tun haben.

 

Und noch ein anderer alter Aberglauben hemmt den Einsatz von Dill in der bekanntlich von Männern dominierten Hochküche. Dillpflanzen wurden in Klöstern gern in der Nähe der Fenster gesät, weil die Aromen angeblich die fleischlichen Begierden dämpfen. So schrieb auch Jacobus Theodurus Tabernaemontanus, Leibarzt des Bischofs von Speyer, 1564: "... / die so kinder zu zeugen begehren / und auch sonsten den ehelichen Werken ungeschickt sind / die sollen des Dills müßig gehen / und in ihren Speisen nicht gebrauchen / ... ."

 

Wir halten also fest: Frischer Dill fährt erstens dermaßen brutal die Geschmacksellebogen aus, dass er mit Ausnahme im multikräuterellen Frankfurter Allerlei "Grüne Soß" keinerlei andere Gewürze neben sich duldet. Zweitens hält er uns solange vom Geschlechtsverkehr ab, bis die Männer Hämorrhoiden und die Frauen Gebärmutterkrämpfe bekommen, welche umgehend mit auch nicht gerade lustfördernden Dill-Sitzbädern gelindert werden. Und drittens findet jeder Feinschmecker Dillhappen mindestens so begehrenswert wie, sagen wir, Girospizza rot/weiss mit Doppelzaizicki.

 

 

Am Ende des Tages also der ideale Ansporn für jeden mutigen Koch, aus diesem Kack-Kraut eine Sinfonie der Aromen und Texturen wie im Kochmonster-Rezept zu komponieren.

 

Alle anderen dürfen ihre tote Hose gerne anbehalten. Marke: Kill Dill.



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Wollen nur spielen: Frank Oehler, Mike Süsser, Oliver Mik und Andreas Schweiger

Kochprofis – Das letzte Aufgebot

 

Unmodischen Ziegenbart im Gesicht tragen, laut rumschreien können, wissen, wie herum man einen Kochlöffel halten muss – die Bewerbungsvoraussetzungen für die neue Staffel der RTLII-Küchenkrisenshow gehörten zu den härtesten in der weltweiten Gastro-Szene. Meint zumindest Julia Nicolas, Leiterin Unterhaltung bei RTL II: "Um die vier neuer Kochprofis zu finden, haben wir das wohl aufwändigste Casting für TV-Köche in der Geschichte des deutschen Fernsehens durchgeführt."

 

Das darf man ihr ruhig glauben, denn nachdem die Ex-"Kochprofis"  Ralf Zacherl, Martin Baudrexel und Mario Kotaska ihre Schürzen hingeschmissen hatten (jetzt als "Die Küchenchefs" bei Vox am Herd), zeigte sich, wie schwierig es inzwischen geworden ist, gestandene Köche davon zu überzeugen, sich für das Fernsehen zum Affen zu machen, während im heimischen Restaurant wegen Abwesenheit des Chefs die Gault Millau-Points wegschmelzen.

 

So liest sich die Liste der neuen "Kochprofis" auch ein bisschen wie das letzte Aufgebot. Nur zwei von vier führen ein eigenes Haus: Andreas Schweiger kämpft in seinem "Showroom" seit ein paar Jahren vergeblich gegen den Strukturkonservatismus der Münchner Gourmetszene, während Oldie Frank Oehler (45) noch immer nicht den Totalabsturz seiner Stuttgarter "Speisemeisterei" wettmachen konnte (das Haus verlor 2008 bei der Dienstantritt Oehlers  die zwei Michelin-Sterne und stürtze im GM von 18 auf 15 Points). Da passt auch der Wahl-Österreicher Hansdampf Mike Suesser und der ehemalige Chefkoch der Polizeikantine Bochum, Oliver Mik, gut in das Bild, das die Unterhaltungsredaktion bei RTLII ab dem 31.August um 20,15 Uhr von ihren "Spitzenköchen" vermitteln will.

 



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Das perfekte Picknick  

 

Wenn Sie bei der Nahrungsaufnahme plötzlich der Hafer sticht, der Kuhfladen direkt in die Nase mieft und die Ameisenstraße partout keinen anderen Weg findet als direkt über ihren Nudelsalatteller, ist ihre Picknicktechnik verbesserungswürdig. Ein paar Tipps.

 

Als sich im England des 19. Jahrhunderts der Adel die Vorliebe von Königin Victoria, bevorzugt im Freien zu speisen, zu eigen machte, war die Welt für den Picknicker noch in Ordnung: Heerscharen von Dienern schleppten die Outdoor-Dinnerutensilien an ein malerisches Fleckchen Erde, und wenn die Edelzecher endlich eintrafen, dampfte Tee und Gebäck, und es lockten Pasteten, frisches Brot und kühler Schaumwein zum Mahle.

 

Ein winzig kleiner Rest von dem Anstand, mit dem damals draußen gegessen wurde, haben sich einzig die Franzosen bis heute bewahrt – schön zu beobachten entlang einer jeden Route National, wo sie sich in Hundertschaften bevorzugt so nah am Straßenrand wie möglich mit ihrem Alugestühl zum „Aufpicken einiger Kleinigkeiten“ (piquer nique) niederlassen.

 

Wen es an den vier bis fünfeinhalb Abenden, in denen es im deutschen Sommer über 18 Grad hat und dennoch kein reinigendes Gewitter droht, auf die Grüne Wiese als Essplatz zieht, macht mit einem gezielten, schnellen Spontaneinkauf nichts falsch: frische Baguette, eine nicht zu harte mediterrane Salami am Stück, zwei Käsevarianten (Brie/Camenbert, dazu ein harter würziger Käse wie Gruyère oder Manchego) und eine eiskalte Flasche Champagner oder ein leckerer Wein in den Einkaufswagen, von daheim noch zwei Holzbrettchen ein gutes Messer in zwei Küchentüchern eingewickelt, Gläser, Servietten, eine Mülltüte und eine große Decke geholt – in weniger als einer halben Stunde kann daraus das romantischte Picknick des Lebens werden.

 

Genausowenig falsch ist eine gute Vorbereitung. Platz scouten (Tipp: landwirtschaftlich reizvolle Gebiete meiden), Kühltasche mit Getränken (also auch Bier und Wasser) und empfindlichem Essen (Butter, Schinken, Grillwürstchen, Kartoffelsalat) packen, zusammen mit dem Picknick-Korb, evtl. einem tragbaren Grill samt Zubehör, der Profidecke (einseitig gummibeschichtet) oder gleich der Klapptisch-Garnitur ins Auto wuchten und möglichst nah an den Lieblingsplatz ranfahren. Am Abend trifft man an solchen Geheimtipps meistens ein paar Hundert andere Picknicker. Oder mehr als 22.233 Esser, wenn die Gemeinde Baesweiler (bei Aachen) am 19. September 2009 den Guiness-Weltrekordhalter im Massenpicknicken  (Lissabon) vom Thron stoßen will.

 

Irgendwo zwischen diesen Extremen liegt die vernünftige Mitte, und in der bereiten wir fingertaugliche Leckereien vor: kleine Quiches, Speckdatteln, vielerlei Cracker-Dips oder generell irgendwelche wohlschmeckende in Teighülle eingebackene Dinge wie Schinken im Brotmantel, Zitronenhuhn im Salzteig, Schafskäse in Blätterteigstangen oder Bratwürste im Schlafrock.

 

Für letzteres haben wir jetzt  einmal interessehalber zwei fertige Industrie-Teige gegen einen selbst angesetzten Weizen-Sauerteig antreten lassen. Bei den Bratwürsten eignet sich alles, was nicht gebrüht ist (wird hier zu gummimäßig). Unser Test lief mit drei Sorten roher Wurst: fränkische Bratwürste im Bändeldarm (verkauft online der Rittersbacher Metzger Böbel), Salsiccia mit Fenchel und Lamm-Merguez.

 

Als Fertigteig kamen die Produkte „Frischer Blech-Pizzateig“ und „Frischer Flammkuchenteig“ des Österreichischen Herstellers „Tante Fanny“ zum Einsatz, die gegen den selbst gekneteten Bio-Sauerteig eine unerwartet gute Figur machten. Beide Ösi-Schlafröcke waren schneller ausgebacken (15-20 Minuten) als der Brotteig (60 Min.); das Endprodukt sah weitaus professioneller aus – wie aus der Bäckerei:

 

...hier geht's zum ausführlichen Rezept mit 12 Step-Fotos... 

 

Doch obwohl diese Fertigteige mit vergleichsweise wenig Lebensmittechemie (hier: Diphosphate, Natriumcarbonate, Lecithin, Guarkernmehl) auskommen, liegt der Eigenbau am Ende um Längen vorn: außen knusprig, innen herrlich fluffig, und im Gegensatz zu den Industrieknechten auch am Folgetag noch ein adeliger Picknickbegleiter.

 

Damit lässt sich auch noch die zufällig über die Picknickdecke durchmarschierende scheißende Schafsherde ertragen.



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Schinkenklopfen im Sommerloch

BILD Dir Dein eigenes Sommerloch: Die Taste mit dem Ausrufungszeichen bei der "Bildzeitung" wird nun noch ein bisschen abgeschabter sein – "Imitate! Fleischreste! Fischmuskel-Eiweiß! Algen-Konzentrat! Der große Schwindel mit unseren Lebensmitteln!" Geschenkt! 

 

Schade, dass auch die seriöseren Medien vom Hamburger Abendblatt bis zu focus auf eine Pressemeldung der Hamburger Verbraucherzentrale (VZ) reingefallen sind.

 

Denn der neue Lebensmittel-Skandal ist in Wahrheit nur total alter Käse.

 

Die VZ hat einfach längst bekannte Fälle von Verpackungskunst und Produkt-Text-Lyrik zusammengefasst: Das Buitoni-Pesto ohne Olivenöl, ALDI-Vollkorntoast-Brötchen mit zu geringem Vollkornanteil, ein türkisch beschrifteter Analogschafskäse, Vanilleeis ohne Vanille, Fol Epi-Scheiben mit nur 65% Käseanteil aber haufenweise Chemie, Delacre-Schokokekse ohne Schokolade, Lorenz Wasabi-Nüsse ohne Wasabi, Du darfst Putensalat mit Formfleisch.

 

Alles Produkte, die selbstredend in keiner halbwegs ambitionierten Hobbyküche etwas zu suchen haben, keine Frage. Dennoch lohnt es sich, die angebliche Verbrauchertäuschung etwas näher zu betrachten.

 

Sogar das Kochmonster als vehementer Warner vor den Würgegriffen des kulinarisch-industriellen Komplexes muss feststellen: Steht alles drauf, was drin ist – und was nicht drauf steht, ist halt auch nicht drin. Die Pesto nennt sich "Basilico" und nicht "alla genovese", das "Finnkorn" weist alle Bestandteile in ihren exakten Mengenverhältnissen auf der Verpackung in großer, gut lesbarer Schrift aus,  das Vanille-Thema ist so alt, dass man manchmal das Vanillin gar nicht mehr riechen kann, Lorenz schreibt gut sichtbar "Wasabi Geschmack" auf die Packung und ein industrieller Putensalat hat ganz andere Leichen im Keller als Form-Putenfleisch. 

 

Auch Fol Epi "Nuss" behauptet mit keiner Silbe von sich, ein "Käse" zu sein, selbst wenn die Aufmachung das geschickt suggeriert:

 

 

Unter dem Strich wurden nur zwei Produkte von de VZ zu Recht kritisiert: den Delacre-Biscuits "Keksbolde" fehlt eine lyrische Verklärung der Schokoladenfreiheit nach dem Muster "Mit Schoko-Flair". 

 

Ein offener, in seiner Dreistigkeit aber schon Theater-reifer Betrug ist das hier:

 

 (Fotos: VZ Hamburg)

 

Surimi ist die seit Jahren gängige Bezeichnung für Fischeiweissabfälle ist, die mit Hilfe von Transglutaminasen und Farbstoff zu Kunst-Garnelenschwänzen zusammengeklebt wedren. Dass der schlitzohrige Produktbetexter diese Chemiebombe im indischen Ozean gefangen haben will, wird nur noch von der Zuordnung zu der Gattung Nempiterus übertroffen – eine Barsch-Fischart.

 

Das alles kann jeder Verbraucher wissen. Wer ein bisschen Wert auf seine Ernährung legt, muss das soager wissen. Deshalb schiebt Sternekoch und Küchenphilosoph Vincent Klink in einem aktuellen Interview mit Spiegel Online den Schwarzen Peter zu Recht an den Konsumenten weiter: "Alles liegt am Ende beim Verbraucher. Wenn er nicht mehr ausgeben will, ist ihm letztlich nicht zu helfen. (...) Natürlich hat Ernährung eine soziale Komponente. Aber ich finde: Als erstes muss man sein Geld für das ausgeben, was man fürs Leben braucht - möglichst gesunde Lebensmittel. Danach kommt der Rest. (...)  Es gibt Menschen, denen ein zweiter Fernseher wichtiger ist als gute Milch. Denen ist oft nicht zu helfen. Sie sind nicht dumm. Aber sie machen sich einfach keine Mühe bei der Auswahl von Lebensmitteln."

 

Auch die DDR war seinerzeit ausgesprochen erfinderisch im Überdecken von Versorgungsmängeln: Statt der (kaum verfügbaren) Schokolade füllte man Pralinen mit einer Masse aus Zucker, Aromen und Erbsen, grüne Tomaten wurden zu "Zitronat" für den Dresdner Stollen verarbeitet, und sogar aus Roter Bete gewann man ein "kakaoähnliches Produkt".

 

Ebenfalls eher im Bereich der Komödie spielt eine andere aktuelle vermeintliche Skandalmeldung ihre Bahn gebochen: "Betrug mit Schinken-Imitat", "Gel-Schinken entsetzt Verbraucherschützer", "Falsches Spiel mit Schinken-Ersatz" – die Schlagzeilen zum so genannten Schinkenskandal suggerieren, dass die hessischen Verbraucherschützer bei ihren Gastro-Kontrollen auf irgendendwelche neuen, unerwarteten Ergebnisse gestoßen seien – immerhin fanden sie in 68 Prozent der Proben von "Kochschinken" auf Pizzen, Croques oder in Imbiss-Nudelgerichten statt echter Schweineware nur billiges Schinken-Imitat.

 

Auch das alles ist längst bekannt: Das Deutsche Patentamt registrierte schon am 27.08.1998 unter dem Patent DE19707080A1 das "Verfahren und Vorrichtung zur Herstellung von Fleischprodukten und Lebensmitteln" – in diesem Fall die Herstellung von schinkenähnlichen Produkten aus Fleischabfällen (Fetzen von Fleisch, Muskeln und Sehnensträngen), Wasser, Geschmacksstoffen und Stabilitaroren-Enzymen, Soja-Eiweiss und Eiweißhydrolysaten oder isolierten Aminosäuren, wie z. B. Lysin. 

 

Schinken-Imitat: 41% Wasser, 56 % Fleischabfälle, der Rest ist Chemie

 

Dass der daraus gewonnene Kunstschinken ("Formschinken" entsteht ähnlich, besteht aber wenigstens nur aus geleimten Schinkenfetzen) undeklariert auf immer mehr Imbiss-Waren auftaucht, bemängelte die Verbraucherzentrale Bayern schon im Oktober 2002: "Von 14 Proben im Jahr 2001 hatten drei sogar weniger als 50 Prozent Fleischanteil. Hier kann es sich nur um billige Schinkenimitate handeln, die überwiegend aus dem Ausland kommen”. Ein solches bei Pizza-Lieferdiensten beliebtes Produkt ist "Spalla Cotta", für 12,95 Euro pro 5 Kilo beim  Imbissbedarfsdealer zu haben. Auch dieser Fake-Schinken wird seit Jahren von Verbraucherschützern bei Kontrollen gefunden, bestraft wurde niemand.

 

Das Kochmonster meint: Wer glaubt, dass auf der "Pizza Hawaii" vom "Pipapo-Pizza-Bestellservice" für 4,95 Euro echter Schinken oder echter Käse drauf ist, ignoriert nicht nur den deutlichen Katzenpipi-Geruch dieser Nahrungsparodie – er würde den Unterschied eh nicht schmecken.

 

 



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"Le Schicken" gackert weiter

Deutschlands bestes Koch-Fanzine, das Berliner Pocketbreitformat "Le Schicken", geht mit einem neuen, spannenden Heft in seine vierte Ausgabenrunde – und ist endlich an einigen gut sortierten Kiosken in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf und Köln erhältlich. Das noch immer etwas arg Berlin-lastige Magazin des Fotografen Florian Bolk besteht weiterhin primär aus Frage-Antwort-Interviews (im aktuellen Heft mit Schwerpunkt auf TV-Köchen von Lafer bis Kotaska – mit Embedded Rezepten), bringt auf 122 Seiten aber auch einige journalistisch besser geschriebene Features und Buchkritiken als in den letzten Ausgaben – ohne sich dabei zu sehr professionalisieren zu wollen.

 

Sehr schön und in dieser Form bislang ungelesen ist der Beitrag zu 20 Jahren deutsche Einheit, in dem den ersten TV-Köchen in West (Clemens Wilmenrod), aber auch Ost (Kurt Drummer) gedacht wird. Doch auch bei dem Interview mit Ruth Reichl, der New Yorker Restaurantkritikpäpstin, fragt man sich, warum kein anderes Food-Magazin die Dame bei ihrem Besuch zur Berlinale-Vorführung von "Food, Inc." zu einem Interview abgepasst hat.

 

Eine Frage, die sich auch angesichts der cleveren Idee stellt, die "Spielerfrauen" der Starköche an einen Tisch zu bringen. In "Le Schicken" schickern sich die Lebenspartnerinnen von Matthias Buchholz, Ralf Zacherl, Marco Müller und Wolfgang Müller über den häuslichen Alltag einer Sternekochfrau ab, und nebenbei erfährt man, dass Wolfgang Müller vom Horváth (15 GaultMillau-; 2 Feinschmecker-Points) am heimischen Herd ein T-Shirt mit der Aufschrift "Glutamatfreie Zone" trägt, oder Ralf Zacherl (an anderer Stelle im Heft mehrfach in einem unglaublich albernen Kuh-Kostüm abgelichtet) von seiner Freundin Ulli "Hefeklöße mit Petersiliensauce" beigebracht bekommen hat.

 

Dabei zieht sich stets ein sehr tiefes Verständnis, oder doch zumindest ein Verstehen-Wollen durch die "Le Schicken"-Fragen, weswegen die interviewten Starköche hier auch viel tiefer ins Nähkästchen greifen als in den großen Food-Medien. Einziger Nachteil: für eine kritischere Frageposition scheint der Mut noch nicht zu langen, was schade ist angesichts des einen oder anderen Hühnchens, das man mit einem Johann Lafer durchaus einmal rupfen sollte.

 

Fazit: Besser kann ein Koch- und Köche-Fan 5 Euro kaum anlegen. O.k., außer, die Maldon Sea Flakes sind alle.

 



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Wagner-Rezept Pochiertes Kalbsfilet mit Morchelrahmsauce

Lendenkraftverstärker

Der Lenz ist da, die Lenden sind dennoch müde? Kein Problem, denn jetzt haben knackfrische, biologisch-dynamische Aphrodisiaka Hochsaison. Allen voran: verführerisch duftende Spitzmorcheln – das Viagra der Pilzfreunde.

 

Kochen für Freunde, Familie und all die anderen Mitesser ist neben geselligen Sättigungsfreuden auch immer mit einem hormonellen Balanceakt verbunden. Vor allem in den Frühjahrsmonaten, in denen all die frischen Muntermacher Saison haben, denen man nachsagt, sie könnten erschlaffte Angelegenheiten in der Körpermitte zu alter Größe wiederverhelfen.

 

Von jungen Austern bis zu frischen Ostereiern, vom Spargelzu den saftspritzenden neuen tasmanischen Flugzwiebeln, vom Rettich zum Rochenflügel – man muss sich im Frühjahr glatt fragen, warum nicht alle Männer so aussehen, als hätten sie gerade bei der Sparkasse eine Rolle Zwei-Euro-Münzen in die vordere rechte Hosentasche gesteckt (bei der Säugetierart „Mensch“ sind bekanntlich vier Fünftel der Männchen Rechtsträger).

 

Und jetzt auch noch die Morchel! Ausgerechnet der nach der Trüffel bei Gourmets zweitbeliebteste Pilz hat bis Ende Juni seine Hauptwachstumszeit. Doch Halt: Niemand muss aus Angst vor einer ernährungsbedingten, nurmehr stationär-klinisch heilbaren Dauererektion nun den Schwanz einziehen. So hart wird das auch wieder nicht gegessen.

 

Schon 1843 berichtete Georg Friedrich Most in seinem „ Lexikon der vorzüglichsten und wirksamsten Haus- und Volksarzneimittel aller Länder“ von dem falschen Schein der Lendenkitzler: „Untersuchen wir genau die große Menge der im Volk für stimulierend gehaltenen Mittel, so werden wir finden, dass viele derselben an sich ohne Wirkung sind, und dass sie ihren Ruf nur dem Umständ verdanken, dass sie die Phantasie des Kranken aufregen.“

 

Für die Morchel gilt das sogar im doppelten Sinn, regt sie doch neben der Phantasie auch stets den Gaumen des Genießers an mit ihrem fein-erdigem, leicht trüffeligen Geschmack, der allerdings stets begleitet wird von einem eher schweißfüßig-verwesungssüßlichen Charlotte-Roche-Odeur. Im waghalsigen Selbstversuch zeigt sich eine weitere Parallele: Mittwochs aß ich eine größere Portion Morcheln, am Donnerstag las ich ein paar Kapitel der „Feuchtgebiete“. Beides stimulierte nicht mehr als die freitägliche U-Bahnfahrt zwischen den Hamburger Stationen Poppenbüttel und Lattenkamp.

 

Bei all dem Schweinkram, den man der Morchella esculenta (Speisemorchel) und der Morchella conica (Spitzmorchel) nachsagt, bleibt festzuhalten, dass vor allem Letztere einer der leckersten Speisepilze der Welt ist. Wer jemals im französischen Küchenuniversum an einer Morchelsahne genascht hat, sollte sich in diesen Tagen zum gut sortierten Gemüsehändler oder auf den Wochenmarkt begeben (oder den Selbstanbau  wagen) und eine Hand voll frischer Pilze als Traumpartner zu Kalb, Spargel, Krebsen oder auch nur einem Teller voll handgemachter Eiernudeln erstehen.

 

Natürlich findet auch der kundige Pilzsammler auf Waldlichtungen und an Bachläufen wild wachsende Morcheln. Doch Selberpflücken will wohlüberlegt sein. Zum Einen ist diese Pilzart in unseren Landen stark auf dem Rückzug. Außerdem werden die bis zu 25 cm hohen Speisepilze (am besten schmecken sie unter 10 cm) leicht mit der Frühjahrslorchel (Gyromitra esculenta) verwechselt. Die ist roh verzehrt tödlich, auch nach Abkochen oder Trocknen kann noch das Blut schwer geschädigt werden.

 

Bei so viel Sturm und Drang muss nun natürlich ein Rezept folgen, bei dem auch unsere Geschmacksrezeptoren ordentlich einen auf die Mütze bekommen. Was auf den ersten Blick wie eine sich ohne jeglichen Verstand an aktuelle Gewürzmoden heranschmeissende Kulinarik-Kakophonie wirkt, ordnet sich am Gaumen wundersam stimmig zu einer oralen Orgie: frische Morcheln, Kaffee-Karotten, Vanille-Sellerie, niedrigtemperaturgegartes Kalb mit Aprikosen-Estragon-Gremolata, essbare Blüten und obendrauf die ätherischen Kreuzkümmel-Noten der roten chinesischen Purper-Kresse. Uff.

 

Pochiertes Kalbsfilet mit Morchelrahmsauce – mit derart ungestümen Gestaltungswillen signalisieren Sie auch dem unsensibelsten Gast: Zumindest meine Kochkunst ist ein wildes Tier.

 

Peter Wagner



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Lockstoffe der Feuchtgebiete

Dass der Frühling sich nun endgültig breit gemacht hat, merken wir nicht nur an den Temperaturen. Auch aus öffentlichen Toiletten und anderen Feuchtgebieten steigt überall der gleiche markante Duft in die Nase: Es ist der Spargel, der uns eint.

 

Schweiss ist nicht die einzige Körperflüssigkeit, die verbindet. Wenn jedes Jahr zwischen Mitte/Ende April und dem Johanni-Tag (24. Juni) in deutschen Toiletten ein nicht für jede Nase unpenetranter, aber in jedem Falle sehr markanter Geruch aufsteigt, liegt das nicht an dem medizinisch interessanten, aber geruchslosen Asparagin, das immer wieder für diesen Effekt haftbar gemacht wird. Das typische Spargel-Pipi kommt von schnöden Abbauprodukten wie S-Methyl-thioacrylat und S-Methyl-3-(methylthio)thioproponiat im Urin.

 

Doch das ist bei weitem nicht die einzige Küchenmädchenweisheit, die am Spargel so hartnäckig klebt wie Hundekacke am Stiefelabsatz. Entschlacken soll das Gemüse ja angeblich einen jeden von Wintergiften heimgesuchten Körper. Das ist unabhängig davon, dass Säugetiere keine Schlacken in ihren Verdauungsorganen anhäufen, völliger Quatsch. Eine medizinisch relevante entwässernde Wirkung entfaltet der ansonsten recht gesunde Spargel (Kalium, Phosphor, Kalzium und die Vitamine A, B1, B2, C, E, Folsäure) nur bei Nierenstein-Kranken oder Menschen mit stark erhöhten Harnsäurewerten – und die sollten auf die weißen Frühlingssprossen verzichten.

 

Bei allen anderen gilt:  ausgeschieden wird so gut wie nur das, was vorher aufgenommen wurde. Im Falle des Spargels also vor allem eine gewaltige Menge Wasser, aus dem das Gemüse zu 94 Prozent besteht. Wem also nach dem Verzehr von einem satten Pfund Bleichspargel schnell die Blase drückt, der profitiert nur am Rande von der (kaum messbaren) harntreibenden oder entwässernden Wirkung des Gemeinen Gemüsespargels (Asparagus officinalis). Er hat schlicht und ergreifend einen halben Liter Wasser mit den Stängeln aufgenommen, der nun wieder raus will.


Das stört zwar das Geschäftsmodell der Spargelpillendreher, zeigt aber auch, wie polarisierend dieses Gemüse wirkt. Bei wenigen Themen gerieren sich die deutschen Stämme bis in die Hohezeit der Globalisierung hinein noch derart schollenverbunden wie bei der Frage, wer den besten Spargel anbaut. Die Oberbayern schwören auf den Schrobenhausener, den 150 Kilometer nördlich kein Franke mehr anrühren würde, gibt es doch zwischen dem Nürnberger Knoblauchsland bis zum Maindreieck hervorragende Ernte. Der Schwabe/Badenser lässt je nach Postleitzahl außer Schussentaler, Breisgauer oder Hügelsheimer nichts auf den Teller, während der Berliner seinen Beelitzer, der Hesse seinen Groß-Gerauer, der Thüringer seinen Kutzlebener und der Norddeutsche seinen Bardowicker, Lüneburger oder Burgdorfer hochhält.

 

Doch wer ist nun der Beste? Klare Antwort: Jeder. Jeder Spargel, der von einem Landwirt mit Leidenschaft und Bauernehre im Blut angebaut und  in möglichst geringer räumlicher Entfernung zum Verkaufsort so schnell wie möglich nach dem Stechen (Ernten) verkauft wurde und bestenfalls am gleichen Tag noch auf dem Teller landet. Da scheidet jede Charge aus Griechenland oder Spanien per se aus. Aus der Sicht des Genießers kommt nur frische, regionale Ware in Betracht. Die hat ihren Preis, das aber völlig zu Recht: Ein Spargelfeld wirft erst drei Jahre nach Erstpflanzung Ertrag ab, kann nur per Hand geerntet werden und steht nach etwa zehn bis zwölf Jahren wegen feinster Sporen im Boden für Jahrzehnte nicht mehr für den Spargelanbau zur Verfügung.

 

Das alles kostet zusammen gerechnet mindestens sieben Euro das Kilo, in heißen Wochen Ende Mai/ Anfang Juni geht der Preis ein bis zwei Euro herunter. Wenn man sich also ab und zu dieses edle Gemüse leisten will, sollte man es nicht mit unwürdigen Zutaten oder Beigaben beschämen. Für das passende Risotto-Rezept heisst das: Freiwassergarnelen aus Wildfang, edlen, nur in Kleinmengen gehandelter „Vialone Nano“-Reis, Butter, Sahne, Kürbiskernöl und feinst perlender Champagner.

 

 

 

Pervers? Als ich neulich dieses Risotto im Freundeskreis servierte, wurde mein männliches Gegenüber ganz still. Als er am Ende von Reis und  Spargel noch die ersten drei Glasurschichten vom Teller geleckt hatte, sah ich in glasige Augen und hörte ihn sagen: „Wenn Du eine Frau wärst, würde ich jetzt sofort Sex mit Dir wollen“.

 

Ich hatte wieder einmal Glück gehabt.



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Problembärlauch

 

Nach dem Ableben von Bruno und seinem Bruder JJ3 treibt in unseren Wäldern nur noch ein Problembär sein Unwesen: der Bärlauch. Das Kraut erlebt zwar gerade wieder einen neuen Frühling, gilt als gesund und köstlich. Aber müssen deshalb gleich Millionen aus dem Maul stinken?

 

Anfang der 1990er Jahre, als damalige Spitzenköche wie Eckart Witzigmann, Dieter Müller oder Josef Viehhauser die knofeligen Frühlingsboten für die feine Küche wiederentdeckten, luden mich Schweizer Freunde, die ich gerade besuchte, zu einer „Bärlauchtour“ ein. Prima, dachte ich, da geh ich mal mit meinen leichten Turnschuhen mit auf den Spaziergang durch den schattigen Frühjahreswald, wo wir in aller Ruhe am Bachlauf die aromastarken Blätter pflücken können. 850 Höhenmeter und gefühlte siebzehn Stunden Kampfwandern später kletterte ich schweißgebadet kurz vor dem Gipfel durch ein enges Felsloch. Das „Bärloch“. Gerade im Ausland ist es ratsam, ganz besonders genau hinzuhören.

 

Das ist nicht das einzige Missverständnis im Umgang mit dem in der Botanik als Allium ursinum bezeichneten kleinen Waldstinker. Es fängt schon bei der Beschaffung an. Beratungsresistente Naturburschen würden das Kraut nie aus Profizucht auf dem Markt kaufen. Die müssen selber raus in die Auen, ein Weidenkörbchen ausgelegt mit feuchtem Leinen unter dem Arm. Doch die drei Hand voll Bärlauch, die sie in diesen Wochen (März/April, wenn danach alle Pflanzen aufgeblüht sind, wird das Kraut bitter und hat es sich für dieses Jahr ausgebärlaucht) im Freien finden können, können einem ganz schön die Gesundheit zerschießen. Oft hängen winzige Fuchsbandwurmeier an den Stielen, die erst durch ausgiebiges Kochen unschädlich gemacht werden – was dummerweise gleich die Hälfte des Aromas vernichtet.

 

Beim Sammeln lauert der Tod 

 

 

Gefährlicher noch wird es, wenn sich unter die Ernte ein paar zum Verwechseln ähnlich sehende Blätter vom Maiglöckchen oder der Herbstzeitlose gemischt haben. Die sind mit ihren herzwirksamen Cardenoliden hochgiftig. Ihre Blätter riechen nicht nach Knoblauch – deshalb besser schon beim Ernten den Geruchstest machen, bevor die Giftlinge im Körbchen den Knobimief angenommen haben. Und schon sind wir beim dritten Phänomen, das aus dem Bärlauch ein fieses, kleines Problembärchen macht. Als ein waschechtes Allium ist er zwar eng verwandt mit anderen Nasenkneifern wie Schnittlauch, Zwiebeln, Porree oder Knoblauch, doch in der Küche entpuppt er sich schnell als das schwarze Schaf dieser Familie, denn im Topf wird er nicht rund und schmackig wie Zwiebeln oder Knoblauch, sondern stirbt den plötzlichen Aromatod. Deshalb war ein paar Jahrhunderte auch weg vom Fenster.

 

Der Latschenknofel, Rams (nach dem althochdeutschen "Ramesadr"), Waldlauch oder Hexenzwiebel, wie der Bärlauch in diversen Volkssprachräumen genannt wird, taucht in der Literatur erstmals in der „Capitulare de villis vel curtis imperialibus“ auf, jener Landgüterverordung von Karl dem Großen aus dem Jahre 812, in der die Nutzpflanzen aufgelistet wurden, die in den kaiserlichen Gärten angebaut werden sollten. Im Mittelalter noch recht beliebt als Heilkraut (blutreinigendes Alliin, verdauungsfördernde Senfölglykoside), wurde der Bärlauch nach und nach von wirksameren Kräutern und Arzneien verdrängt – und erst vor ein paar Jahren von der Hochküche wiederentdeckt.

 

Die Köche schätzten ihn, weil er feiner knofelt als die Knolle und der Gast weniger Blähungen und Mundgeruch vom Mahle nach Hause trägt. Die Folgen dieses Booms stehen bis heute im Supermarktregal: „Almette feiner Bärlauch“, “Bärlauchchips“ bis hin zum tiefgekühltem „Fisch-Taler Bärlauch“ aus appetitlich geformten Fischabfällen und industriell gezogenen Bärlaucharomen. Das Grundproblem bleibt überall gleich: Wirklich leckeres Aroma hat der Waldbewohner in seinen ätherischen Ölen gebunkert, und die verfliegen bei Kälte schon eine Stunde nach dem Feinhacken, bei Erhitzung binnen weniger Minuten. Auch Einfrieren oder in Öl einlegen (Pesto) rettet nur wenig. Deshalb: schnell arbeiten, wie beim Kochmonster-Rezept Trüffelcannelloni mit Artischocken und Bärlauchjus.

 

 

Wer jetzt weder Lust auf knackfrischen Bärlauchquark mit (neuen!) Kartoffeln noch auf die  heikle „Gradwanderung“ in nachfolgendem Rezept Lust hat, sollte den Bärlauchbund, den der kochunkundige Lebenspartner in Folge seiner Frühlingsgefühlsschüben vom Markt mitgebracht hat, auf keinen Fall an die Hasen, Kaninchen, Hamster oder Meerschweinchen der Kinder verfüttern. Die nämlich bekommen vom Problembärlauch eine ausgewachsene Magenentzündung.

 



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Pure Lust im Glas: Oliven in Eigenöl

Die letzte Ölung

Muss man einen halben Tageslohn auf den Tisch blättern, damit einem das grüne Gold der Olive wie Öl den Hals hinabgeht? Natürlich nicht, aber Vorsicht: nicht überall, wo „Extra Virgin“ drauf steht, ist auch jungfräuliches Spitzen-Olivenöl drin.

 

Anfang der 1990er Jahre sah ich in einer Tageszeitung in Verona eine Karikatur, die den damals unstillbaren Durst der Deutschen nach original italienischem Edel-Grappa auf die Schippe nahm: in der Mitte ein Berg mit einer gigantischen Schnapsbrennerei, rechts die LkW-Kolonnen mit teuersten Schnapsviolen nach Norden in Richtung Brenner, links LkW-Kolonnen mit den unterschiedlichsten Nationalitätskennzeichen von Portugal bis Bulgarien, die stinkigen Billigtresterbrei herankarrten.

 

Wenn die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt, dann steigen die Preise. Und meist fällt synchron dazu auch die Qualität des Hype-Produktes. Was sich in diesen Tagen wunderbar am Beispiel des Olivenöls zeigt: „Nativ“, „Extra“ „Erste Kaltpressung“, „Tropföl“ – S-Klasse-Deluxe-Schmiere so weit das Auge reicht in den Regalen von Edekalidl.

 

Als ob Ramses II, Plinius und Hildegard von Bingen, die drei großen historischen Olivenölprediger, sich zu einem flott geschmierten Dreier im Götterhimmel getroffen und die 18 Millionen Tonnen Weltjahresproduktion des Pflanzenöls mit einem gemeinsamen Wimpernschlag in leuchtend grünes, nach frischem Heu duftendes Gold verwandelt hätten – hergestellt einzig aus glücklichen, sonnengereiften Früchten, in warmen Vollmondnächten von zarten Elbenhändchen gepflückt.

 

Natürlich kann beim Discounter für zweineunundsiebzig pro halben Liter „Extra Virgin“ kein unbeflecktes Spitzenöl in der Flasche sein. Wer auf sowas reinfällt, glaubt auch, dass es bei den Billigheimern große Weine oder erstklassiges Fleisch für kleine Münze gibt.

 

Kann es gar nicht geben, denn allein die Herstellung eines Liters Olivenöls, das die geschützte Bezeichnung „natives Olivenöl extra“  tragen darf („Extra Vergine“ in Italien, in Spanien „Virgen Extra“, „Vierge Extra“ in Frankreich), kostet den Bauern rund fünf Euro. Für das Öl im Fass auf seinem Hof. Rechnet man nun noch Abfüllung, Etikettierung, Frachtkosten und Handelsspannen drauf, wird schnell klar: eine richtig gute Ölung fängt bei rund acht Euro für die Halbliterflasche an, ganz großes Geschmeido aus grünem Gold (Kaltextraktion mit Angabe von Erntesaison sowie Oliven-Sorten und –Herkunft) kostet über 20 Euro die Flasche.

 

 

Klingt teuer, ist es aber nicht. Richtig gelagert (14-18 Grad, ohne Tageslicht), gibt so ein Fläschchen gut eineinhalb Jahre lang immer wieder ausgewählten Leckereien den letzten Schliff. Edelfische, Spargel, Carpaccio, vollreife Tomaten, ein paar Spritzer in die gebundene Gemüsesuppe oder die selbst gemachte Aioli – mit den grünen Superjungfern kann man viel Spaß haben, man muss ja nicht unbedingt die Fertigpommes damit frittieren.

 

Sollte man auch nicht. Extra Vergine hat zwar mit 190 Grad einen relativ hohen Rauchpunkt für ein natives Pflanzenöl. Andererseits darf der Olivenbrei in der Kaltpresse bei der Herstellung der höchsten Qualitätsklasse nicht wärmer als 27 Grad werden. Schon ab 60 Grad im Kochtopf verblassen die feinen, grasartigen Aromen, die gesunden natürlichen Antioxidantien zerfallen ebenso wie der erst 2005 entdeckte Inhaltstoff Oleocanthal, der chemisch sehr eng mit dem Schmerzmittel Ibuprofen verwandt ist.

 

In die Pfanne kommt mir das teure Öl deshalb nur bei niedrigeren Temperaturen, also zum Beispiel ein Paar Spritzer zum Gemüsedünsten, in die Tomatensauce oder am Ende des Fleisch/Fisch-Bratens in neutralerem Öl (Sonnenblumen, Raps, Distel) zum finalen Parfümieren.

 

Oder gleich kalt, mit einer Einwegspritze als Soba-Nudel in die Minestrone "Bahnhof Zoo" injiziiert.

 



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Peter Bruegel "La cucina povera" (1563)

Klamme Kammer

Je länger der Winter um so klammer die Speisekammer. Sehnsüchtig erwarten wir die neuen Früh-Ernten, während die alten Kartoffeln von Tag zu Tag muffeliger werden. Prima Gelegenheit, an unsere Vorväter zu denken – die hatten gar nichts zu essen in diesen Tagen.

Angesichts prall gefüllter Supermarktregale sind das Geschichten aus einer ganz anderen Welt: „War die Ernte mager ausgefallen“, erinnert sich Sternekoch Vincent Klink an seine Kindheit auf der schwäbischen Alb und die Erzählungen seiner Großeltern, „so konnte es in der dunklen Zeit sehr karg werden. Auf der Alb war vor noch nicht einmal hundertfünfzig Jahren die Nahrung im Januar so knapp, dass es die Leute auf die verschneiten Hochflächen trieb, um an die Vorräte der Mäuse zu kommen. Man folgte den Spuren im Schnee bis zum Mauseloch, um dieses dann auszugraben und so an die paar Körner im Nest der Nager zu gelangen“.

 

So sehr haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, dass irgendwo auf dieser Welt immer gerade Saison ist für grünen Spargel, Erdbeeren, Artischocken oder Dicke Bohnen, dass wir angesichts einer leeren Kiste Äpfel und drei letzten, mit grünem Keim matschig austreibenden Zwiebeln im Gemüseregal verzweifelt „DDR, DDR, das ist ja wie in der DDR!“ schreien.

 

Und doch können gerade die Hobbyköche in dieser an frischen regionalen Zutaten eher armen Jahreszeit viel lernen – auch von den Ahnen am Herd. Erfindungsreichtum ist gefragt, wenn man den peruanischen Grünspargel oder die tasmanische Frühzwiebel für zu weit gereist, oder die holländische Gemüsepaprika und den italienischen Mangold als reine Gewächshauspflänzchen ökologisch wie biologisch für unkaufbar, untragbar und unkochbar hält.

 

Jeder Koch muss gerade im Spätwinter beim Einkauf Gier, Genuss und Gewissen in  seinen ganz persönlichen Einklang bringen. Das heutige Rezept zum Beispiel mag mit San Marzano Tomaten und frischem Mangold aus den Plastikunterständen rings um den süditalienischen Vesuv für manchen ein klarer Verstoß gegen jegliche cooking correctness darstellen. Schließlich hatten die Menschen am Ende des Jahrtausendwinters 1708/09, als sogar die Kanäle Venedigs und die Tejo-Mündung bei Lissabon zufroren, (wenn überhaupt) nur noch Brot zu essen – und selbst das mussten sie, weil tiefgefroren, mit dem Beil brechen.

 

Heute gibt es in jeder Saison Alternativen. Das heutige Rezept kann mit über den Winter gelagerten Kohl anstelle des Mangolds gekocht werden, und auch die Tomatenfilets vom Vesuv gibt es gehäutet eingelegt in hervorragender Dosenqualität. Glücklich übrigens, wer rechtzeitig entweder die Nachtschattengewächse selbst eingeweckt, oder hochwertige Gläser von Manufakturen wie dem Österreicher Tomatenpapst Erich Stekovics gebunkert hat. Stekovics ist der Noah der Tomaten, die in Österreich Paradeiser heißen – mehr als 200 andernorts ausgestorbene Sorten züchtet und handelt (auch die Samen und Pflanzen) er auf seiner Arche.

 

Je geringer die Auswahl, um so mehr ist Kreativität in der Küche gefragt. Deshalb bilden viele Gerichte, die aus Mangel – egal ob Armut oder Versorgungsengpässen – entstanden sind, das Rückgrat europäischer Kochkultur: Maultaschen, Krautwickel, Piroggen, aber auch viele italienische Teller wie Pasta Fagioli, Tripa Romana oder Pajita. Lebenstüchtig, wie Italien schon immer war, brachte das Land all diese Armenspeisen aus Wurstdärmen, Maisgries oder Trockenbohnen unter dem Prestigebegriff „Cucina Povera“ groß heraus. So wurden aus Nudeln mit ein wenig Öl und Pfeffer oder einer Brotsuppe Italo-Klassiker wie „Rigatoni al pepe“ oder „Ribollita“.

 

Auch deshalb schmunzelt Italiens Meisterkoch Giorgio Locatelli in seinem auf jedes halbwegs gut sortierte Kochbuchregal gehörenden Standardwerk "Made in Italy: Das Kochbuch" (Christian Verlag, München, 624 Seiten, 174 Rezepte, 39,95 Euro, ISBN: 13: 978-3-88472-7997): „Ich muss immer lächeln, wenn meine Gäste in London  Polenta zum Lunch verspeisen, die einst dazu diente, sich nach einem kalten Tag in den Bergen daheim aufzuwärmen. (...) In einigen der ärmsten Regionen des Nordens legte man früher in die Mitte des Tischs eine Scheibe geräucherten Schweinespeck. An dem konnte jeder am Tisch sein Polentastück „aromatisieren“, indem er damit den Speck berührte“.

 

Vielleicht denken wir ja ganz kurz daran, wenn wir mal wieder Ende Februar die frischen Himbeeren für 16 Euro das Kilo am Gourmet-Stand einen Tick zu sauer finden.

 

Aktuelles Rezept zum Thema: Puteninvoltini mit Mangold und Tomate

 

 

 

 



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Heinos Backstube (Rückseite der Kuchenverpackung)

Heinos Chemie-Pogo

 

So so, Ihr Lieblingsfeind hat Geburtstag, aber Sie haben gerade kein Zyanid parat, das Sie in den Geburtstagskuchen einbacken können? Kein Problem, einfach bei Heinz-Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk, Volksmusik-nahen Kreisen eher als Heino bekannt, anrufen - und schon backt Ihnen der gelernte Bäcker in seinem "Rathaus Cafe" in Bad Münstereifel (Marktstraße 18 in Bad Münstereifel Telefon 02253/6650) seine weltberüchtigte "Heino's Hasel-Nuss-Torte" (echt nur mit diesen beiden Original-Schreibfehlern).

 

 

Das Kochmonster hat kein Kotzen und Würgen gescheut und die Torte höchstpersönlich vorgekostet. Wichtig: zum Entnehmen des in Alufolie eingeschweißten Gebäcks Augen schließen, oder mindestens eine so stark abgedunkelte Brille wie Herr Kramm tragen, denn schon die Verpackung kann den Vomitations-Reflex auslösen:

 

 

 

 

Die Torte selbst sieht auf den ersten Blick so schlecht nicht aus:

 

 

 

...und auch nach dem Anschneiden scheint es sich um ein ganz normales Stück Industriefertigbackware zu handeln:

 

 

Ein Kuchen also , der scheinbar gefahrlos probiert werden kann, bietet der gläserne Volkssänger doch das Rezept auf seiner Internetseite zum Download an. Nein, er hat nichts zu verstecken:

 

250g weiche Butter, 1 Prise Salz, 2 Päckchen Vanille-Zucker und 300g Zuckerschaumig rühren, 5 Eiernach und nach unterrühren. Dann 200g Mehl, 6g Backpulver, 60g gehackte Bitterschokolade, 140g geriebene Haselnüsse und 140g gehackte Haselnüsse trocken vermischen und mit dem Löffel unter die Buttermasse rühren. Eine Springformmit weicher Butter einstreichen und dünn mit Mehl ausstreuen. Die Masse gleichmäßig verteilen und im Umluftofen bei 180 Grad 35-40 Minuten backen. Die ausgekühlte Torte dann mit Schokoladenglasurübergießen und mit ganzen Nüssen dekorieren.

 

Irgendwie scheint es Heino nicht geglückt zu sein, dieses Rezept rechtzeitig der "Küchenmeisterei" nach Soest (Hersteller der Torte) zukommen zu lassen. Anders ist dieses unglaublich erotisierende Prickeln des dort verwendeten Polyglycerin-Polyricinoleat auf der Zunge nicht zu erklären, ganz zu Schweigen von den Natriumacetaten, die nur wenige Minuten nach dem Verzehr unseres Teststückes putzmunter gemeinsam mit den Diglyceriden und den Natriumcarbonaten im Magen Samba tanzten.

 

Auch die meisten anderen "Küchenmeister"-Zutaten sind in Heinos Heilewelt-Kaffekränzchen nicht wirklich gern gesehen: gehärtetes Fett, Sorbit, Glycerin, Glucose, Lactose, Disphosphate, Sojalecithin u.s.w. Nein, wir reden hier nicht von einer hornhautentfernenden Fußpflegecreme.

 

Heino muss sich deshalb jetzt nicht schwarzbraun ärgern, denn seine Torte ist beileibe nicht das einzige ungenießbare Stück aus guter deutscher Nahrungsmittelschwerindustrie. Das zeigt allein der zweite kurze Test – ein Vergleich des im heutigen Rezept gekochten Hirsch/Wild-Gulasch mit seinen artifiziellen Verwandten. Dieser Fleischtopf lässt sich bei Bedarf auch in größerer Menge aus frischen Zutaten für weniger als fünf Euro pro Esser vorkochen (idealerweise, wenn es mal wieder am Ende der Jagdsaison günstige Wildfleisch-Sonderangebote gibt) und portionsweise einfrieren.

 

Die Alternativen, die der kulinarisch-industrielle Komplex anzubieten vermag, können der heimischen Zubereitung noch nicht einmal nahe kommen. Selbst ein halbwegs schonend hergestelltes TK-Produkt wie das „Hirschgulasch in Wildsoße“ von „bofrost“ schmeckt trotz des hohen Kilopreises (22,90 Euro) fad, das Fleisch ist zum Teil flachsig, und die übertriebene Wacholder-Würzung stört die Zunge ebenso, wie die penetranten Nelken-Noten, überwürzten Glutamat-Bomben oder dicke, unzerkaubare Sehnen bei diversen Dosen-Hirschgulaschs.

 

Deren Zutatenliste ist selten kürzer als bei „Dreistern Hirschgulasch in pikanter Sauce“, dem Fertigprodukt einer brandenburgischen Fabrik, das bei vielen Discountern zu haben ist. Neben dem die Gesamtkonsistenz immer wieder zum Schmierigen verbiegenden Tomatenmark rockt auch hier das Gourmet-Gruselkabinett den Chemiepogo: modifizierte Stärke, Säuerungsmittel Citronensäure, Konservierungsstoff Natriumnitrit, Verdickungsmittel Guarkernmehl, Xanthan, Johannisbrotkernmehl, Milchpulver, Geschmacksverstärker Mononatriumglutamat, Dextrose, Maltodextrin, Farbstoff E150d.

 

Da würde auch eine kleine Prise Strychnin nicht weiter auffallen.

 

Fazit: Selber kochen,denn da weiss man, was man hat. Und was drin ist. Zum Beispiel bei unserem Rezept für Hirschgulasch mit tasmanischen Pfefferbeeren, Pastinakenpüree, Maronen und Rosenkohl.

 

 

 

 

 

 



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Saline auf Mallorca: Meersalz für den Gourmet

Rosarote Gefühle mit dem Weißen Gold

Zart pinkfarben aus dem Himalaya, pechschwarz von Hawaiis Vulkanen, hellgrau aus Portugals Meeresgärten oder leicht wie Kokain-Flakes aus England – Anbieter von Nobelsalzen verdienen sich derzeit eine goldene Nase. Sind die gesalzenen Preise gerechtfertigt?

 

„Ihr seid das Salz der Erde“, schmeichelte Jesus seinen Jünger. Heutigen Anhängern edler Salzsorten erscheint das Angebot an Spezialkristallen nicht minder himmlisch – wenn sie nicht so höllisch tief dafür in ihre Tasche langen müssten: 5,90 Euro nimmt Deutschlands beliebtester TV-Rotzfänger, Johann Lafer, für 350 Gramm seines afrikanischen „280 Millionen Jahre alten Kalahari-Salzes“. 300 Gramm Salzbrocken vom Fuße des Himalayas kosten 3,50 Euro, bestes französisches Fleur de Sel aus Noirmoutier mindestens acht Euro, eben so viel die Salzblüte Flor de Sal aus Portugal. Locker das Doppelte legt man für das pfirsichfarbene Solesalz des australischen Murray-River auf die Ladentheke, während die an feinste Amphetamine erinnernden Maldon Sea Flakes aus dem britischen Essex, der Bentley unter den europäischen Salzen, mit sechs Euro für 300 Gramm (allesamt Preise beim Versender bosfood) zu Buche schlagen. So viel Kohle soll man ins Nudelwasser kippen?

 

Wenige Themen regen seit einiger Zeit in Genußkreisen so auf wie die Inflation der Edelsalzsorten. Glaubt man den Nahrungsforschern, ist das alles Humbug. Salz, egal woher und auf welche Art auch hergestellt, hat besteht zwischen 97 und 98 Prozent aus reinem Natriumchlorid, der Rest sei ernährungsphysiologisch schon wegen der Mini-Mengen nur Gedöns. Neulich hat der Berliner „Tagesspiegel“ mittels eines Laborversuches vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke feststellen lassen, dass die Speisesalze alle gleich schmecken (die armen Probanden mussten allerdings – völlig alltagsfremd – wässerige Salzlösungen schlürfen). Warum zum Teufel sollte man also mehr als 69 Eurocent für ein Pfund Bad Reichenhaller Marken Jod Salz ausgeben?

 

Aus dem gleichen Grund, warum eine Leberwurst keine Foie Gras ist, ein Discounter-Öl kein Opera mastra von Giuseppe Ursini, Maggibrühwürfel kein Aromont Demi-Glace und Barilla-Spaghetti im Gegensatz zu der Manufaktur-Pasta Rustichella d'Abruzzo von Gaetano Sergiacomo nicht in den Hartweizenhimmel kommen: halbwegs essbar ist alles, Genuss kostet extra. Beim Salz – und das macht das Thema so spannend – hält sich der Genießer-Aufpreis in erträglichen Dimensionen. Denn die Highender aus Berg, Wüste und Meer kommen uns natürlich nicht ins Kochwasser,  da langt einfachstes Siedesalz aus dem Supermarkt für ein paar Pfennig. Ein Päckchen Maldon Flakes für besondere Anlässe reicht dagegen  locker für zwei Jahre. Das ist noch nicht einmal ein Eurocent pro Tag für den Stoff, der früher mal so wertvoll war, dass man ihn „Weißes Gold nannte“. So viel sollte einem diese kleine Dekadenz schon wert sein.

 

Ich gestehe, dass ich bei diesem Thema nicht neutral sein kann, denn ich bin ein Salz-Messie. Bei jeder auch noch so abartigen neuen Sorte brennen sofort meine sonst recht soliden Shoppingsicherungen durch. Ich habe meine Salzsammlung nie durchgezählt, aber so an die 40 bis 50 Sorten werden es schon sein.

 

Neben den erwähnten auch so wundervolle Kristall-Kitzler wie das Hibiscus-Flor de Sal aus dem mallorquinischen Es Trenc, alle Bio-Kräuter-Sorten der wunderbaren historischen Salzmine im schweizerischen Bex, das wundersame sizilianische Sale marino integrale  mit feinen Blutorangenzesten, einfache Fleur de Sels aus der Camargue, ätherische Frischkräutersalze von Vignalta aus dem Veneto oder das etwas spitzere Wildpflanzen-Tischsalz von Leonto, Lavendelsalz und 15 weitere Sorten aus Nordvorpommern bis hin zu dem im Thermosublimationsverfahren gewonnenen Nuchi-masu aus Okinawa, das feiner staubt als Puderzucker und zum Beispiel selbstgedörrte Rote-Bete-Chips in den kulinarischen Sternenhimmel schießt.

 

Die schier unendlichen Daseinsformen des Natriumchlorids werden uns also mit  ihren diversen Küchenanwendungschancen noch öfter beschäftigen. Heute gleich ganz gewagt mit einem süßen amerikanischen Dessertdickmacher, dem die incredible, marvellous und heavenly Maldon Salzflöckchen ungeahnte Gourmetflügel verleihen: Balsamico-Feigen-Eis in Salzbrownies mit Pistazienhippen 

 

 



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Kochen für Mr. President: Apfelkalorienbombe

Yes we cook!

Bevor Barack Obama mit dem Regieren beginnen kann, muss er erst einmal essen: zusammen mit 200 Gästen, drei Gänge und gefühlte 14.000 Kalorien. Das Kochmonster stellte sich insgesamt 16 Stunden in Spezialgeschäfte, vor Wildhändlertresen und natürlich in die Hobbyküche und kochte das offizielle "Inaugural Luncheon"-Menü am heimischen Herd schon mal vor.

 

Die Autoindustrie versinkt im Insolvenzsumpf, Quadrillarden Dollars lösen sich in der Irrealwirtschaft in Luft auf, täglich verbluten Söhne des Landes im irakischen Sand, das ganze US-Imperium, so scheint's, verpufft in Rauch und Asche – wer zum Teufel denkt da noch an ein ordentliches Mittagessen?

 

Dianne Feinstein zum Beispiel. Die US-Senatorin leitet das aus fünf einflussreichen Abgeordneten und Senatoren gebildete Komitee zur Organisation der Amtseinführung des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Dieses "Joint Congressional Committee on Inaugural Ceremonies" arbeitet seit Monaten an den Details der Feierlichkeiten, in deren Zentrum das "Inaugural Luncheon" steht – seit über 100 Jahren jenes Mittagessen, das am 20. Januar zur Inauguration des jeweiligen Präsidenten in der Washingtoner Statuary Hall verspeist wird.

 

Nun gut, niemand möchte mit leerem Magen und unterzuckertem Hirn den Amtseid sprechen. Vergessen wir also einmal kurz das ganze Supermachtbrimborium und tun so, als würden wir den Speiseplan in der Kantine studieren: wasgibtsnheute?

 

Wie es sich für eine rundum gläserne Administration gehört, hängt der Inaugurations-Speiseplan seit Tagen im Internet aus. Die Obamas und ihre Gäste (Senatoren, Oberste Richter, Vertreter des Repräsentantenhauses etc.) sehen als erstes auf dem Tisch – nichts. Denn die Vorspeise, ein Stew aus Meeresfrüchten und Gemüsen, versteckt sich unter einer Blätterteighaube. Das ist raffiniert, erlaubt es den Gästen doch, in aller Ruhe mit dem begleitenden Weißwein (es ist ein Duckhorn Vineyards, 2007 Sauvignon Blanc, Napa Valley) anzustoßen, während sich der brandheiße Fischauflauf ein wenig abkühlt. Wer das gerne mal nachkochen möchte, findet hier die auf deutsche Maßeinheiten und hier verfügbare Zutaten redigierte Kochmonster-Version des Originalrezeptes.

 

Als Hauptgericht (hier das Kochmonster-Rezept) gemahnen ziemlich überfüllte Teller daran, dass nach dem Abschwung auch wieder ein Zeitalter der ungehemmten Völlerei kommen wird: Ente und Fasan an Sauerkirsch-ChutneySüßkartoffel-Melasse-Püree und Wintergemüsen. Und wer nun glaubt, danach passt auch in den gedehntesten Magen nichts mehr rein, hat die Rechnung ohne die hungrigen Honoratioren gemacht, die sich zum Nachtisch noch eine zuckersüße, Butter-durchtränkte Apfelcharlotte mit Vanilleeis reinpfeifen (hier das Kochmonster-Rezept).

 

So weit, so gut, gibt es das alles nicht auch Donnerstags in jeder halbwegs korrekt gecaterten Vorstandskantine?  Weit gefehlt:  alles, was ein politisches Komitee an Komponenten eines politischen Essens ausheckt, ist natürlich zutiefst politisch. Im aktuellen Fall sogar doppelt, denn einerseits sendet das Menü hochaktuelle Botschaften an die Nation, andererseits steht es unter dem Motto, den 200. Geburtstag des 16. Präsidenten zu feiern.

 

Gespeist wird deshalb auf originalgetreuen Nachbildungen des Porzellans, das seinerzeit Mary Todd Lincoln zur Amtseinführung ihres Mannes ausgesucht hatte. Abraham war in Kentucky und Indiana aufgewachsen und liebte einfaches Essen wie Gemüse und Wild, am liebsten aber Apfelkuchen.

 

Wer nun meint, das (Fasan, Püree, Apfel) sei doch genug der historischen Bezüge, verunterschätzt – wie Amtsvorgänger George W. sich gerne verhaspelte ("missunderestimate") – den kulinarischen Gestaltungswillen des Komitees. Der "Cinnamon Apple Sponge Cake" zum Nachtisch ist in seinem eher französisch geprägtem Charlotte-Aufbau einerseits eine Verbeugung vor den frankophilen Bevölkerungsgruppen der Südstaaten, zugleich aber auch eine Erinnerung an eine der großen Folklore-Figuren des Landes: Johnny Appleseed zog im 18. Jahrhundert mit einem Kochtopf als Hut als Wanderprediger durch das Land, hatte die Taschen stets voller Apfelsamen und pflanzte im Mittleren Westen Tausende von Apfelbäumen – die wiederum damals zu einer der wenigen stets verfügbaren Süßungsmittelquellen der Siedler wurden.

 

In der Vorspeise, die als Stew irische und jüdische Anspielungen beinhaltet (es kommt z.B. "kosher salt" zum Einsatz), taucht in kleiner Menge auch die Idaho-Kartoffel als Gruß an den öden Knollenstaat auf, während das Grundkonzept mit Meeresfrüchten vom Hummer bis zum schwarzen Kabeljau ein echter Ostküsten-Küchenklassiker sein könnte.

 

Obama, der angeblich ein halbwegs essbares Chili in der heimischen Küche zustande bringen soll, mag am liebsten die Linguine mit Shrimps von seiner Frau Michelle und wird den Stew wohl vollständiger wegputzen als das in seiner Gesamtheit doch eher überambitionierte Hauptgericht. Der Fasan, das wichtigste Jagdtier in Obamas Heimatstaat Illinois, wird bestrichen mit mediterranem Gewürzöl (Hello Old Europe!), gefüllt mit Aprikosen und Knoblauch (Hello Cajun!) sowie dem im Mittleren Westen angebauten und von den Indianern früher als frostbeständiger Kohlehydrat-Spender sehr geschätzten Wildreis (Hello Native Americans!) und begleitet von einem Püree aus Süßkartoffeln, die ihrerseits die gen Westen ziehenden Siedler zusammen mit Maiskolben als eisernen Carbonvorrat immer auf dem Wagen hatten.

 

Sehr elegant auch der Schwenk zu Obamas pubertärem Drogenkonsum: die im Püree eingesetzte Melasse dient Kiffern bekanntlich dazu, ihren Wasserpfeifenshit schön feucht zu halten. Wenigstens ist diese Zutat saisonunabhängig zu bekommen – ganz im Gegensatz zu den Oregon-Sauerkirschen im Chutney, das mit Kumin den Latinos zuwinkt, mit Cidre-Essig und Dijon-Senf Internationalität beweisen soll und mit kalifornischen Rosinen die ansonsten nur mit den begleitenden Weinen vorkommende Westküste grüßt.

 

Dass alle drei Weine inclusive des traditionell vom Sekthaus Korbel gelieferten Schaumweines aus Kalifornien stammen, hat im Vorfeld für leichte Verstimmungen in anderen Staaten gesorgt, weswegen Ende der Woche beim "First Lady's Toast" in Chicago Michelle mit einem Blubberwein von "Cooper’s Hawk Winery & Restaurants", einem der größten Produzenten aus Illinois, anstoßen will.

 

Mindestens so interessant wie die verwendeten Zutaten sind die Speisen, die nicht auf dem Mittagsplan stehen: kein Truthahn, keine Erdnuss und vor allem kein Rindfleisch – hier ist "the change" als rigorose Abkehr von den Vorlieben des cowboybestiefelten Amtsvorgänger auch zwischen den blendend weiß gebleachten Bonzen-Beißerchen zu spüren. Für Obama selbst ist das alles natürlich Peanuts, hat er in seiner Zeit in Indonesien doch ganz andere Dinge essen müssen: Schlangenfleisch und geröstete Grashüpfer.

 

Das Kochmonster hatte dagegen erhebliche Probleme zu lösen, als es die drei Gänge mit in Deutschland im Januar erhältlichen Zutaten nachkochen wollte. Die Rezepte wurden bei Mengen und Zutaten eingedeutscht, einige Unschärfen oder Fehler der Originalrezepte wurden korrigiert:

 

 

Nach 15 Stunden ohne Pause Einkaufen, Vorbereiten, Schnippeln, SimmernBraten, Anrichten und Servieren wissen wir nun endlich, dass wir das Obama-Lunch auch in Deutschland auf den Tisch bekommen können.

 

Nur – kann man es auch essen?

 

Yes, we can!

 



Medienblog

Jamies Gruß an Deutsche Artdirektoren

In England erscheint mit "jamie" eine neue Foodzeitschrift, die deutsche Konkurrenten wie Plumpsküchengrafiker ausshen lässt.

 

Er gehört  zu den wenigen Menschen unserer Lifestyle-Kultur, die zwischen Benediktbeuren und Bangkok unter ihrem Vornamen bekannt sind. Jamie. Vielleicht existieren Pläne, diesen Namen zum eingetragenen Warenzeichen zu machen? www.Jami©allfoods.com?

 

Hätte er sich den Aufstieg träumen lassen? Als Kollegen von der BBC ins angesehene Londoner Restaurant River Café hineinschneiten, eigentlich um die zwei Chefköchinnen zu filmen, die aussahen wie Lehrerinnen, die es in ihrer Jugend hatten krachen lassen, und dann über diesen hübschen Bengel hinter der Theke stolperten, der klaglos Kräuter hackte und den Mund nicht halten konnte?

 

Jamie Oliver erwies sich als globaler Glücksbringer. Nur Amerika konnte er nicht erobern, aber das gelang auch Oasis nicht. Erst kam das Fernsehen, dann kamen die Kochbücher, dann entwickelte Jamie Oliver ein Restaurantkonzept für jugendliche Schulabbrecher, nahm sich der Schulspeisung an, brachte Bauarbeitern und anderen Normalos das Kochen – im Sinne von selbst zubereiteten Basis-Speisen – bei, modernisierte das Konzept "italienisches Restaurant", zeugte sein drittes Kind und bringt aktuell seine erste Zeitschrift auf den Markt.

 

Die heisst „jamie“ und hat einen hervorragenden Art Director namens Darren Holdway, dem es gelungen ist, eine Foodzeitschrift zu machen, die nicht aussieht wie eine Foodzeitschrift. Alle deutschen Publikationen lässt sie aussehen wie Peinlichkeiten zwischen den 1960er und 1980er Jahren.

 

Das Papier ist nicht glänzend, sondern dick und matt, ähnlich wie bei „Monocle“. Überschriften und Icons erinnern in ihrer Serifenverliebheit an den Wilden Westen. Jamies Haus- und Hoffotograf David Loftus sorgt dafür, dass Gerichte lecker, aber nicht größer als das Leben aussehen. Die australische Stylistin Megan Morton, sonst eher in Sachen Mode unterwegs, verleiht Radieschen, wachsweichen Eiern und Holzbrettern eine gewichtige Appetitlichkeit.

 

 

Natürlich lässt es sich mit diesem Magazin kochen und zwar so, wie wir es von Jamie kennen. Crostini, Roast Beef, ein bisschen was aus Indien, Gemüse,  Aïoli, Italien – alles ganz nett und wenig anspruchsvoll. Die Foodreportagen, bei ersten Heft aus Stockholm und dem Londoner East End, lesen sich freundlich und sind überaus anregend illustriert.

 

Doch leider ist „jamie“ auch eine Verkloppungsmaschine sondergleichen, nämlich für die – yes, you guessed it - Jamie Collection. Diese Collection ist an sich nicht schlecht, denn Jamie hat Geschmack und bezahlt gute Designer. Trotzdem fragt man sich, was aus der guten alten Unterscheidung zwischen Journalismus und Anzeigen/Werbung geworden ist. Hier sind die Grenzen zwischen beiden nicht nur fliessend, sondern existieren gar nicht mehr – alles ist zugleich Inhalt wie Werbung. Für so einen "Magalog" muss man keine vier Pfund nehmen!

 

Fazit: Ein Muss für alle Foodredakteure Deutschlands, wegen der Optik, wegen der modernen Inhalte. Kein Muss für alle, die kochen können. Und ein Ärgernis für alle, die mit dem Begriff Schleichwerbung noch etwas anfangen können. ("jamie" kostet in England 3,95 britische Pfund und ist in Deutschland an gut sortierten Bahnhofs/Flughafen-Kiosken erhältlich).

 

Suzie Cue



kochblog

Kamikaze-Diät: Sturzflug zum Normalgewicht

Diätenerhöhung für Moppel-Ich-AGs

Bei den meisten Säugetierrassen ist der Winterspeck eine gern gesehene Evolutioserrungenschaft. Nur wir Zweibeiner hadern zum Jahresbeginn stets aufs Neue und wollen die Pfunde loswerden. Schön blöd? Nicht unbedingt. Das erfährt das Kochmonster gerade am eigenen Leib. Und der wird, vor allem in der Mitte, im Moment von Tag zu Tag kleiner...

 

Verkehrte Welt: Statt mit dem Pfund der im Körper gespeicherten Energiereserven zu wuchern, wie es die Natur eigentlich programmiert hatte, leiden viele Menschen nach der Winter/Weihnachtsfresserei Anfang Januar wie die Hunde unter den wuchernden Pfunden. Und weil wir ambitionierten Hobbyköche ja in der Küche durch das Abschmecken am Topf inputmäßig doppelt belastet sind ist unser Kilokampf noch härter, noch unerbittlicher.

 

Zum Glück bin ich nicht allein. Auch vier Fünftel des Freundeskreises drehen in diesen Tagen wieder voll durch. Petra rechnet auf der Internetseite der Weight Watchers so lange an ihren Diätpunkten herum, dass sie dabei das Essen vergisst. Und deshalb abnimmt. Jürgen und Claudia kommen ständig am Morgen zu spät zur Arbeit, weil sie im Schlaf schlank werden wollen, während sich Silje nun schon zum zweiten Mal so tief in den Finger geschnitten hat, dass die Wunde mit ein paar Stichen genäht werden musste. Und weil es ihr immer total schlecht wird, wenn sie Blut sieht, kriegt sie seit Tagen kaum einen Bissen runter und hat dadurch schon 213 Gramm mehr abgenommen, als ihr die geplante Diät versprochen hatte: Silje, die 11 Monate im Jahr in ihrer Küche allenfalls Kaffee kocht, scheiterte wieder mal an den „tollen Rezepten“ der Brigitte-Frühjahrsdiät.

 

Nur wenige halten sich so standhaft gegen jegliche Form des allgegenwärtigen Abnehmterrors wie Stefanie und Sören. Die beiden machen die Kokosnussdiät. Das ist im Kern eher eine Form der globalen Ernährungsumstellung: sie essen alles in beliebiger Menge – nur eben keine Kokosnüsse.

 

Glyxspiele verboten!
 

Klaus kann über solche Kalauer im Moment nicht lachen, denn seitdem ihn Cornelia in die Glyx-Diät mit hineingezogen hat, ist vom einstigen Ehe-Glück nicht mehr viel übrig. Schon beim Gedanken an ein saftiges Schnitzel mit Pommesrotweiss schnellen ihre Augenlider angsterfüllt synchron zum damit verbundenen diätzerstörenden Insulinpeak nach oben. Streng verboten ist bei Glyx und ihren Verwandten – Froschfresser Michel Montignac, der einem wenigstens das Rotweinsaufen nicht verbietet, und sein US-Kollege Robert Aitkins, der 2003 mit 72 Jahren an den Folgen extremen Übergewichtes gestorben sein soll – alles, was Spass macht und schnell geht. Off limits also für Reisnudelnkartoffelnkuchenundsoweiter mit Saucemayoketchupbuttersahneundsoweiter.

 

Alles Pillepalle für Denise, die nach Mayr-, South-Beach-, Fit-For-Fun-, Apfelessig-, Blutgruppen- und Susan-Powter-Diät ihr diesjähriges BMI-Jojo  mit Orlistat einläutet. Das ist ein Wirkstoff, der im Darm das Enzym Lipase blockieren soll, so dass man den größten Teil des Nahrungsfettes wieder ausscheidet. Weil das aber leider mit heftigsten Dauerblähungen einher geht, ist Günher, Denises Freund, erst mal zu einem Kumpel gezogen und gibt damit dem Prinzip der „Trennkost“ eine ungeahnte neue Bedeutungsdimension. Die einzigen aus meinem Bekanntenkreis, denen das Abnehmen nicht nach spätestens einer Woche stinkt, sind Siegrid und Rolf. Die zaubern sich die überflüssigen Pfunde einfach weg.

 

Hoppla, sollte mir da gerade der Diätgaul durchgegangen sein? Ich bitte um Nachsicht, denn mein Hirn ist im Moment etwas unterzuckert. Wegen der Kamikazediät natürlich, die ich gerade mache. Rücksturz zum Normalgewicht in zwei Wochen. 16 Tage lang nur schwarzen Kaffee, Möhren mit harten Eiern, Steaks , Kochschinken und Salat, Salat, Salat, alles ohne ein Gramm Fett oder sonstwas. Heißt „Max-Planck-Diät“. Das gleichnamige Institut warnt seit langem davor und distanziert sich brutalstmöglich. Krankenkassen warnen! Die Stiftung Warentest hyperventiliert: "Fazit: Lassen sie die Finger davon! Die versprochene Gewichtsabnahme von 9 kg in 2 Wochen ist ein Ding der Unmöglichkeit."

 

Ich bin auf meinen Weg in die Eiweissvergiftung nach 14 Tagen um exakt 12 Pfund leichter geworden.



danke!

Danke für die Blumen!

Gerade mal ein paar Tage auf der Welt, bekommt das kochmonster schon Zuspruch von vielen Seiten. Dafür möchte sich das kochmonster bei allen herzlich bedanken – ganz besonders bei Herrn Paulsen, der das Rennen der Blogger um den ersten kochmonster-Beitrag mit weitem Abstand gewann: auf seinem NutriCulinari-Blog.



kochblog

Stern schnuppe?

Wer von uns würde nicht gern mal eben 296.000 Euro in den besten Restaurants Deutschlands verfressen? Die Gastrotester des  "Gault Millau 2009" zechten für exakt diesen Betrag – und fanden fast so viel Überraschungen wie die Kollegen vom "Michelin".

 

         

 

In keiner anderen Jahresphase vibrieren die Kochmützen in Deutschlands Spitzengastronomie so sehr wie kurz vor der Veröffentlichung der beiden großen Gastro-Führer– der "Michelin" (Michelin Deutschland 2009, Travel House Media, 1512 Seiten, 29,95 Euro ISBN 978-2067138193 ) und der "Gault Millau" (Gault Millau Deutschland 2009, Christian Verlag, München, 916 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3884729182). Es schwelt eine hochexplosive Mischung aus Vorfreude, finsteren Ahnungen bis hin zu nackten Existenzängsten, denn es geht mal wieder um alles. Zumindest aber um Ruhm und Ehre. Und um viel Geld.

 

Ruhm, Ehre und Geld – Motive, die in vielen Bevölkerungsgruppen Menschen zu Höchstleistungen anstacheln. Und höchste Leistung auf die lange Distanz, also jeden Tag zu Lunch und Dinner stets gleichmäßig feinschmeckerisch hochwertige Kost auf die Teller zu bringen, wird auch von den Spitzenköchen des Landes abverlangt. Nachgeprüft und nachzulesen wieder einmal in den beiden aktuellen Gourmetbibeln.

 

Bibelfeste Besseresser

 

Wobei "Bibel", auch wenn sie ständig in diesem Zusammenhang genannt wird, die ganze Sache vielleicht doch ein klein wenig zu hoch aufhängt. Zum Einen spielen die anonymen Gourmet-Tester, so neutral, fair, profund und akribisch sie auch mehrfach täglich kleine Küchenkunstwerke vom Schlage der "Segmente vom Rochenflügel mit Pekanusskrokant, aufgeschäumte Spitzmorchelsahne, Kopfsalat pur, aus Mousse und Vinaigrette" analysierend mampfen müssen, geistesgeschichtlich gesehen ja doch in einer niedrigeren Liga als Johannes, Paulus oder Petrus.

 

Und zweitens geht es bei diesen Büchern zwar auch um den Glauben (schließlich vertrauen seit Jahrzehnten Tausende Gourmets die Verteilung ihres Sternemenüetats dem Urteil dieser testenden Halbgöttern an), aber letztlich doch mehr ums Können. So umstritten diese Ratings bei den Betroffenen (also den Köchen, Hoteliers oder Restaurantleitern) immer wieder sind – unter dem Strich bekommt jedes Köchlein dann doch das auf die Mütze, was er (viel zu selten: sie) verdient.

 

Heinz Winkler aus Aschau am Chiemsee zum Beispiel verlor nun seinen dritten Stern, den er sich erst 2001 (nach vorangegangenen fünf Jahren als Zweisterner) mühevoll zurück gekocht hatte. Der 59jährige wurde im Laufe das Jahres angeblich gleich sechs Mal von verschiedenen anonymen "Michelins" getestet. Letztlich drehte die Pariser Zentrale, die trotz aller regionaler Eigenverantwortlichkeiten die Dreisterne-Entscheidungen weltweit in der Hand hat, den Daumen nach unten. Zu traditionell verkleistert, zu wenig Mut zum Experiment, zu viel Gewicht auf den altbackenen Geschmack der betagten Stammgäste.

 

Allesamt Eigenschaften, die auf Sven Elverfeld vom Restaurant „Aqua“ im Ritz-Carlton-Hotel direkt am Wolfsburger VW-Werk nicht zutreffen. Er bekam seinen dritten Stern, so dass die Gesamtzahl der deutschen Dreisterner bei neun bleibt – Platz zwei für Deutschland, direkt nach dem Gourmetstammland Frankreich.

 

Vom Unter-Müller zum Schlossherr: Nils Henkel ist "Koch des Jahres"

 

Von Elverfeld stammen übrigens auch die erwähnten Rochenflügelsegmente. Die sind Teil seines "Menü des Jahres" im "Gault Millau 2009", der, etwas hasenfüßig, Dieter Müllers Nachfolger in Bergisch Gladbach, Nils Henkel www.schlosshotel-lerbach.com, zum "Koch des Jahres" kürte. Drollig in diesem Zusammenhang der feine Unterschied zwischen Elverfelds Segmentgeröchel und einem Gang wie "Gänsestopfleberstrudel mit Cassissauce, Gurken/Melonen-Salat mit Zwiebelwürfelchen und Schnittlauch". Wie bitte? Klingt so lecker wie Elverfelds Kopfsalatmousse? Erwischt, Sie millaugeschädigter Banause! Der Leberstrudel nämlich steht (als Gericht des Lokals "Im Gütchen" www.jan-treutle.de in Bad Kreuznach) auf der Millau-Liste "Unmenü des Jahres". Da stören, klar, die Zwiebelwürfelchen und der Schnittlauch. Meine Gütchen!

 

Elverfeld macht übrigens auch an der Spitze des Volkenborn-Rankings einen Satz nach oben – von 12 auf Platz 8. Diese Hitliste kompiliert aus den wichtigsten Restaurantführern (Michelin, Gault Millau, Varta, Feinschmecker, Schlemmer-Atlas udn "Der Große Guide") den Gesamtsieger. Und der heisst hier aktuell nicht Henkel (der landet auf Platz 5), sondern Joachim Wissler vom Vendôme.

 

Ansonsten wettert der Gault Millau heftigst gegen die Molekularküche, feiert dann aber ausgerechnet die beiden unerschrockensten und kundigsten Benutzer zeitgenössischer Texturas und Garmethoden, den Frankfurter Juan Amador (18 von 20 möglichen Punkten) und den Berliner Senkrechtstarter Tim Raue  (18), der völlig ungeniert molekulare Pülverchen wie "Agar" oder "Kappa" in seinen "Aromenrevolutionen" einsetzt.

 

Fliegender Badenser in Sachsen?

 

Einig sind sich die beiden Bücher bei Christian Jürgens von der "Überfahrt" in Rottach-Egern (18 Punkte, zwei Sterne), dem ewigen Klassenprimus Harald Wohlfahrt  (19,5;3 Sterne) von der Baiersbronner "Schwarzwaldstube", sowie dem ersten Zweisterner in den neuen Bundesländern, das Leipziger "Falco" mit dem Koch Peter Maria Schnurr (17;2 Sterne). Aber auch der kommt aus Baden-Württemberg (Forbach).

 

Wenn Sie, liebe Kochmonster, es schaffen, mit Ihrem Lebenspartner in den nächsten 12 Monaten in allen 25 deutschen Drei- und Zwei-Sternhäusern zu dinieren, haben Sie wenigstens das gute Gefühl, etwa 10.000 Euro in die lahmende deutsche (Gast)Wirtschaft gepumpt zu haben. Zu teuer? Dann kochen Sie doch das Gesellenstück unten.  Das Lammcarrée in Zitruskruste mit Kichererbsenpüree und Ratatouille-Zylindern kostet mit Wein keine 60 Euro für vier Personen.

 

Und wenn es Ihnen gelingt, bekommen sie zwar noch lange keinen Stern. Aber für so sieben, acht Millaupunkte sollte es schon reichen.



  plat du jour

Vorspeise

Bachsaibling; Aroma:...

Hauptgericht

Gebackene Roulade vo...

Dessert

Piña Colada vom Gril...

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das jüngste gericht

Currybaisers mit Aprikosenpaste

Ein bisschen französische Hochküchendessertkunst, gepaart mit arabischen Dörrobst- und indisch angehauchten Curry-Aromen – ein wahres Festival der Sinne – von der Curry-Päpstin Bettina Matthaei.  Zum Rezept...



koch der woche

©Anne McMaster

Shane McMahon

Shane McMahon, 1970 geboren, wuchs als Sohn eines irischen Vaters und einer österreichischen Mutter in der Nähe von Limerick (Irland) auf. Die Leidenschaft fürs Kochen wurde schon früh im elterlichen Restaurant geweckt. Anschließend folgten Lehr- und Wanderjahre in München, auf der Zugspitze und auf Sylt – bis die hohe Küche lockte: Nach Stationen bei Sterneköchen machte er sich 2007 mit seinem Konzept "Shane’s Kitchen" in München selbständig: als Show- und Eventkoch, er gibt Kochkurse und veranstaltet Kochevents, und seit November 2009 führt er in München sein eigenes Lokal Shane’s Restaurant im "DERAG Hotel Prinzessin Elisabeth“ – als direkter Nachfolger von Nationalkickerkoch Holger Stromberg. 

 

Kochmonster präsentiert mehrere spannende Rezepte aus McMahons Buch "Shane's kitchen", sowie einige Rezepte, die wir mit ihm direkt in seiner Münchner Küche produziert haben. Zu den Rezepten...



fish 'n' tipps

Mea Pulpa!

Heisse Tipps für kaltes Fleisch:  Kochmonster-Chef Peter Wagner gibt hier jeden Samstag an dieser Stelle Hinweise zu Fischen und anderen Meeresbewohnern, die auch fortgeschrittene Kochschaffende überraschen können. Heute: Hau'n wir auf den Paule!

 

Der Tintenfisch ist ein zäher Bursche. Im Angesicht des jähen Frühablebens im Maul des Raubfisches oder im Netz des Fischers ziehen sich schlagartig alle Muskelfasern zusammen – und bleiben hart. Der Hai überdenkt vielleicht beim nächsten Pulpo den drohenden Kiefermuskelkater. Der Mensch ist erfindungsreicher und lässt sich von Pulpo Paule die Fussball-WM-Ergebnisse orakeln – oder schlägt das Tier kurzerhand 50 Mal gegen die Kaimauer bevor er die nun gelöster wirkenden Fangarme für ein, zwei Stunden (je nach Dicke) in den Kochtopf steckt. Gut für die Oberarmmuskulatur des Essers ist auch die Pulpoleichenschändung mittels unzähliger Schläge mit dem Vorschlaghammer. Eleganter löst sich die Verspannung, wenn man den Oktopus einen Tag lang einfriert – leider verliert er dabei Aroma. Der Hausfrauentrick mit dem Weinkorken im Kochwasser bringt übrigens nichts, das ist pures Alki-Latein: So eine geöffnete Weinflasche wird ja ganz schnell schlecht, und irgendwas muss man ja trinken während dieser elend langen Garzeit.

 

 

Passend dazu das (extrem schwierige) Rezept von Ex-Dreisternekch Dieter Müller für Wildlachs im Pulpomantel mit Algensauce.

 

 

Alle Folgen von "Fish&Tipps" werden in dem registrierten Mitgliedern vorbehaltenen Bereich kochwissen/warenkunde archiviert.

 



Putenwahnsinn

Der UNKOCHBAR der Woche geht an "Wiesenhof" für die erste "schonende" Massenschlachtungsanlage

teufelsküche

Pizza mit Gyros, Ananas und Hollandaise. Rezepte mit "45 Cocktailtomaten häuten und aushöhlen". Supermarktwerbezettel mit "gefühllte Schnützel". Speisekartenlyrik mit "Caree vom Oktopus". Helfen Sie mit gegen den Hirnverlust am Herd – schicken Sie uns Ihr schönstes UNKOCHBAR-Foto!



monsterfreunde

 


 


 


 


 


 


 


 

 

 


 


 



Neu hier?

Männer an den Herd!

Herzlich willkommen bei www.kochmonster.de - Deutschlands erstem Kochportal für Männer! Mit allem, was Männer – vom ambitionierten Hobbykoch bis zum kreativen Commis – am Herd brauchen: ausgesuchte und profund geprüfte Profi-Rezepte, kritische Kochbuch-Rezensionen, News und Event-Tipps für Gourmets, (demnächst) unabhängige Tests von Küchengeräten und Produkten.

 

Bereits in Planung sind eine verschworene Community mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe, Tipps für Kochkurse, Gourmet-Reisen und Weiterbildungs-Seminare ohne Anfänger-Langeweile, fundierte Warenkunde.

 

Das Kochmonster startet mit Profi-Rezepten, Kochbuchkritiken, News, Shop und schon jetzt einem großen, überall präsenten Kochlexikon mit mehr als 1500 Schlagworten: Wo immer auf Kochmonster Begriffe wie BardierenDeglacieren, oder Parmesan fallen, schwebt per Mouseover das Lexikon herbei. 

 

Als besonderen Service für unsere Kochmonster bieten wir die Möglichkeit, kniffelig zu bekommende Spezial-Zutaten direkt aus den Zutatenlisten der Rezepte heraus bei unseren Shop-Partnern zu bestellen. Um zu den Profi-Rezepten zu gelangen, genügt die einfache Registrierung als Kochmonster-Mitglied, für die Sie nur Namen und eine funktionierende Mailadresse angeben müssen – und mit Ihrer Registrierung dazu beitragen, dass die ambitionierten Kochmonster nicht mit beliebig verwässerter Web-2.0-Beliebigkeit konfrontiert werden.

 

Wiederkommen lohnt sich: Tag für Tag, Woche für Woche wächst das kochmonster – mit noch mehr hochwertigen Rezepten, Buchkritiken, News, Zeichentrickfilmen, Praxis-Wissen und Workshops.

 

Und das Wichtigste: Wir alle sind kochmonster! Machen Sie mit, registrieren Sie sich (mailadresse genügt) und gehören Sie zu den ersten Top-Hobbyköchen, die ihre Rezepte neben den Profis auf kochmonster präsentieren dürfen! In Kürze werden an dieser Stelle die Bewerbungsmodalitäten veröffentlicht. Wollen Sie nicht so lange warten? Dann schicken Sie uns eine kurze mail – wir melden uns bei Ihnen. 

 

Frauen verboten? Natürlich nicht. Klicken Sie doch mal auf das kleine Verbotsschild links oben im Logo...

 

Wie bitte? Sie finden das kochmonster superdoof, total süß, absolut überflüssig, die beste Idee der letzten Zeit, unsäglichen Quatsch mit Sauce? Raus damit: schreiben Sie mir eine mail – ich werde Ihnen persönlich antworten.

 

Mit köstlichen Grüßen, Ihr

 

 

Peter Wagner, Herausgeber

 



starköche

kochmonster – Deutschlands erstes Kochportal für Männer. Mit aktuell 334 sorgfältig auf Hobbyküchen-Verhältnisse angepasste Highend-Rezepten von internationalen Starköchen wie Dieter Müller, Hans-Stefan Steinheuer, Gordon Ramsay, Jörg Sackmann,  Tim Raue, Harald Rüssel, Christian JürgensDouce Steiner, Christian Rach, Simon Taxacher, Björn Freitag, David Thompson, Johanna MaierKolja Kleeberg, Johannes King, Gunther Ehinger, Thomas KammeierAli Güngörmüs, Roland Trettl, Mario Lohninger, Christian Scharrer, Bernd Siener, Hans Gerlach, Michel Roux, Michael Wollenberg, Karl-Josef Fuchs u.v.m. Diese Rezepte sind unseren registrierten Mitgliedern vorbehalten. Anmeldung mit Name und Mailadresse, es müssen keinerlei weitere Daten angegeben werden, die Mitgliedschaft ist kostenlos, alle Daten werden natürlich vertraulich behandelt und dienen nur zur internen Verwaltung unserer Mitgliedschaften.

 



feinstkost

Tante Emma kehrt zurück!

Endlich: nach Monaten der Vorbereitung, anonymen Testkäufen, Verköstigungen, Verhandlungen und waghalsigen Koch-Versuchen eröffnet nun FEINSTKOST - der Tante-Emma-Laden auf Kochmonster.

 

Worauf wir besonders Stolz sind: Erstens ist Kochmonster – und das behaupten wir, bis uns jemand das Gegenteil zeigt – weltweit das erste Kochportal, über das man Zutaten für die Sternen-Rezepte direkt mit einem Klick aus der Zutatenliste des Rezeptes heraus besorgen kann. Zum Beispiel beim Molekular-Rezept "Caprese 5.0."

 

 

Wenn Sie mein Rezept nachkochen wollen, mit Ihrer Frage nach  “Pflanzliche Gelatine”, “Crutomat” oder gar “ProEspuma Fred nova kuirejo" bei Ihrem Lebensmittelhändler aber nur verständnisloses Stirnrunzeln ernten, können wir Ihnen nun endlich weiterhelfen:  Einfach auf das Einkaufswagensymbol neben der Zutat klicken – und schon wird der entsprechend Shop-Partner von Kochmonser aktiviert. Auch für Köche kleinerer Restaurants interessant, denn sie müssen nicht gleich riesige Mengen ordern, wenn sie einmal das Rezept eines Sternekoch-Kollegens auf Kochmonster für ihr Haus probeweise anbieten wollen.

 

Und zweitens freuen wir uns ganz besonders, nur mit Shop-Partnern zusammenarbeiten zu können, hinter denen ein engagierter Inhaber steht, und bei dem das Kochmonster-Team auch privat gerne einkauft. Eine Übersicht dieser Partner finden Sie im Feinstkost-Laden.

 

www.kochmonster.de ist ein rein journalistisches, unabhängiges Informationsangebot, das selbst natürlich mit keinerlei Waren handelt (siehe "Bestellbedingungen"). Gerade deshalb sind wir froh und auch ein bisschen stolz, dass unsere Kochmonster-Freunde nun sämtliche kniffelige, interessante oder einfach nur sehr schwer zu bekommende Zutaten direkt aus den Zutatenlisten der Rezepte heraus bei unseren Shop-Partnern bestellen können – und das stets in Haushalts-gerechten Mengen, auch bei den Finessen der Profi-Köche.